Journalist und Autor
Menschen. Orte. Gesellschaft.

Die Bauernschule.  Auch dafür ist eine Lokalzeitung da: In einer Pressemitteilung, die die Redaktion erreichte und zu einer Nachricht verarbeitete, las ich von der Möglichkeit, sich als Obstbaum- und Gartenfachwart ausbilden zu lassen. Ich meldete mich an, ohne mir ganz klar darüber zu sein, dass diese Ausbildung über das ganze Jahr sehr viel Zeit - auch zahlreiche Wochenenden - kosten würde. Wie sich herausstellte, war der Gewinn aber sehr viel größer als der Einsatz: Einblicke in das Obstbaum- und Gartenwesen, die ich sonst niemals bekommen hätte. Auch nicht aus Büchern und schon gar nicht von Internetportalen. 

Auf der Wiese: Teilnehmer der Ausbildung zum Obstbaum- und Gartenfachwart. Foto: jmf

Was ich außerdem fand, war eine Art Oase der Bodenständigkeit, wie sie sich im doppelten Sinne im ländlichen Bereich abspielt. Das Leben der Bauernschüler und deren Lehrer spielt sich nicht in den klassischen Kommunikationsräumen wie Bars, Cafés, Straßen und Plätzen ab, sondern vornehmlich auf Wiesen und in Gärten. Es ist nicht die Straßenbahn, die quietscht, sondern der Rotmilan, der kreist, die Amsel, die singt und die Mücke, die sticht. In dieser Welt findet sich ein Typ Mensch, der scheinbar unbeeindruckt von all dem verwirrenden, kopfzerbrechenden und seelenknickenden Eindrücken dieser Welt seine Bahnen zieht und nach bestem Wissen und Gewissen seine Obstbäume schneidet. Jedenfalls dann, wenn er in seinem Element ist.


Da das Wort "Bauer" gern auch im negativen Sinne verwendet wird, sei an dieser Stelle vorausgeschickt: Nicht hier. Mit der Landwirtschaft hatte ich aufgrund meiner Verwandtschaft und Nachbarschaft bereits in der Kindheit viel zu tun. Ganz losgelassen hat mich das Thema nie, auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten meine Hände sehr viel häufiger Tastaturen berührten als Bäume und  Sträucher. Für die Gartenarbeit blieb nicht viel Zeit. 

Ob und wie mich die OGV-Szene - so die Abkürzung für Obstbaum- und Gartenverein - weiter beschäftigt, wer weiß das schon. Ich weiß es nicht. Aber auf Wunsch einiger meiner Mitstreiter im  Obstbaum- und Gartenfachwartkurs veröffentliche ich schon einmal an dieser Stelle einen kleinen Artikel über Wildschweine und verwilderte Streuobstwiesen. Nüchtern aufgeschrieben, wie es sich für einen Bericht in der Lokalzeitung gehört - er erschien in der Eßlinger und der Stuttgarter Zeitung. Bis auf die Überschrift des Artikels und kleine Passagen im Kommentar habe ich nichts verändert. 


Ein ungleiches Gefecht? Ordnungsämter sagen Wildschweinen und verwilderten Streuobstwiesen den Kampf an

Streuobstwiesen gehören zum immateriellen Kulturerbe. Dennoch verwildern viele Wiesen. Das wiederum zieht Wildschweine an. Esslingen und Altbach wollen Besitzer nun dazu bringen, ihre Grundstücke wieder zu pflegen.

Die Stadt Esslingen kündigt an, verstärkt gegen die zunehmende Verbuschung von Streuobstwiesen vorzugehen. Besonders im Bereich zwischen Oberesslingen und Zell befänden sich zahlreiche Grundstücke, die seit Jahren nicht mehr gepflegt werden, heißt es seitens der Stadt. Eine Auswertung von Luftbildern hätte ergeben, dass dort rund fünf Hektar Streuobstwiesen verwildern. Auch im Nachbarort Altbach wurde die Gemeinde aktiv. „Wir sprechen die Betroffenen direkt und personalisiert per Brief an und informieren zudem über das Gemeindeblatt“, sagt Marie Eckmann, die das Ordnungsamt leitet.

Das Dilemma lässt sich vor Ort deutlich erkennen - zum Beispiel in den erhöhten Lagen zwischen Altbach und Esslingen-Zell. Achim Schäfer, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Altbach, zeigt einige Beispiele, die ganz und gar nicht mehr nach Streuobstwiese aussehen. Komplett zugewachsen mit meterhohen Brombeerteppichen, leiden auch die Bäume sichtlich darunter. Schlimmer noch: Die Wildnis frisst sich auch in die Nachbargrundstücke - für die dortigen Streuobstwiesenbesitzer ein Gräuel. Arbeitet sich das schnell wachsende Dornengestrüpp einmal vor, ist es schwer, ihm Herr zu werden. Vor allem kostet es viel Zeit, die Obstbauern lieber in ihre Bäume investieren würden.


5000 Tier- und Pflanzenarten leben auf Streuobstwiesen im Kreis Esslingen

Streuobstwiesen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Kulturlandschaft. Etwa 5000 Tier- und Pflanzenarten leben auf den Wiesen und in den Bäumen. Mehr noch: Sie prägen das Landschaftsbild rund um Esslingen und darüber hinaus. Das Landesanstalt für Umwelt geht davon aus, dass Baden-Württemberg über die größte zusammenhängende Streuobstfläche in ganz Europa verfügt.
Aber sie müssen gepflegt werden, ansonsten werden sie schnell mit Brombeeren und anderen Gehölzen überwachsen, die die Wiese zerstören und die Bäume unerreichbar machen. Experten sind sich weitgehend einig: Tritt das ein, gehen wertvolle Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten verloren.


Ungepflegte Grundstücke ziehen angrenzende Streuobstwiesen in Mitleidenschaft

Achim Schäfer aus Altbach vor einem verwilderten Grundstück. Foto: jmf

Und nicht nur das: Ungepflegte Grundstücke ziehen angrenzende Streuobstwiesen in Mitleidenschaft. In Altbach und auch auf Grundstücken zwischen Esslingen-Zell und Oberesslingen ist dies eindrucksvoll zu beobachten. Achim Schäfer deutet auf Wildschweinspuren. Für das Schwarzwild stellt das Heckendickicht einen idealen Unterschlupf dar. Dort können sie sich verstecken - auch vor Jägern. Sobald die Bahn frei ist, kommen sie raus und durchwühlen die noch intakten Nachbargrundstücke, wo sie Nahrung finden. Haben sie den Boden dort erst einmal umgepflügt, ist es um das Grundstück schon fast geschehen: „Hier kommst du nicht mehr mit einer Maschine durch“, erläutert Schäfer. „Immer häufiger kommen Mitglieder und sagen: Wir können unsere Wiese nicht mehr bearbeiten.“ Eckmann von der Gemeinde Altbach bringt den Zusammenhang auf den Punkt: „Die beeinträchtigten Grundstücke erschweren die Pflege und Bewirtschaftung für die engagierten Eigentümer massiv, wodurch die konkrete Gefahr besteht, dass im Umfeld weitere Flächen aufgegeben werden und verwildern.“
Gründe genug also für Orte wie Esslingen und das benachbarte Altbach, der Verwilderung den Kampf anzusagen. Wohlwissend, dass die Ursachen für die Aufgabe der Flächen vielfältig sein können, heißt es seitens der Stadt Esslingen. Dennoch legt die Stadtverwaltung „Wert auf die Feststellung, dass Eigentümer verpflichtet sind, ihre landwirtschaftlichen Flächen in einem nutzbaren Zustand zu erhalten“ - das sei im Landwirtschafts- und Landeskulturgesetz vorgegeben. Zudem dürfe der Zustand eines Grundstücks die Bewirtschaftung benachbarter Flächen nicht beeinträchtigen.


Viele Eigentümer im Kreis Esslingen können ihre Grundstücke nicht mehr bewirtschaften

Tatsächlich gibt es viele vererbte Grundstücke, die die neuen Eigentümer gar nicht selbst bewirtschaften können, weil sie nicht mehr in der Gegend wohnen. In anderen Fällen verhinderten Alter, gesundheitliche Einschränkungen oder fehlende zeitliche und finanzielle Ressourcen eine regelmäßige Pflege. In solchen Fällen müssten sie sich dann eben jemanden suchen, der es für sie macht, findet Richter vom OGV Altbach. Es gibt auch etliche Streuobstwiesenbesitzer, die genau das tun: Sie lassen das Gelände zwei bis drei Mal im Jahr mähen und suchen jemanden, der ihnen die Bäume schneidet. Eine andere Möglichkeit sei, die Grundstücke abzugeben, meint Schäfer - allerdings scheint die Nachfrage nicht besonders hoch zu sein.

In Esslingen sollen nun die betroffenen Eigentümer in den kommenden Wochen angeschrieben und aufgefordert werden, ihre Flächen innerhalb einer festgelegten Frist wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand zu versetzen. Im Altbach geht man ähnlich vor. Und wenn der Eigentümer nicht reagiert? „Sollten die erforderlichen Pflegemaßnahmen ausbleiben, können ordnungsrechtliche Maßnahmen folgen“, teilt die Stadtverwaltung in Esslingen mit. „Neben der Verhängung eines Bußgeldes kommt als letztes Mittel auch eine behördlich angeordnete Ersatzpflege in Betracht.“ Das kann zeitlich ein langer Weg werden - wie lange, vermag auch die Esslinger Stadtverwaltung noch nicht abzuschätzen.



Kommentar: Streuobstwiesen-Elegie

Streuobstwiesen verwildern zusehends. „Na und?“, könnte man fragen. Dann nimmt sich die Natur eben wieder zurück, was der Mensch ihr zuvor abgerungen hat. Und: Werden nicht auch Wälder sich selbst überlassen, damit sie sich naturnah selbst erneuern?

Tatsächlich würde sich "die Natur", über einen langen Zeitraum betrachtet, auch das Brandenburger Tor, den Kölner Dom oder die gesamte Esslinger Altstadt zurückerobern, sobald dort keine Menschen mehr leben und die genannten Plätze pflegen. Dem ist aber nicht so: Es handelt sich um zivilisatorische Zeugnisse, die vor einer Verwilderung bewahrt werden. Auch wenn eine Streuobstwiese kein Brandenburger Tor und keine Esslinger Burg ist, so hat sie dennoch eines gemeinsam mit solchen Bauwerken: Es sind Kulturgüter, wobei Streuobstwiesen darüber hinaus auch noch als schützenswerte Biotope gelten. Sie gehören sogar zum immateriellen Erbe der Unesco, auf einer Ebene mit der Weinkultur in Deutschland oder dem Kunsthandwerk im Erzgebirge.

Foto: jmf

Rund 5000 Tier- und Pflanzenarten leben auf der Streuobstwiese. Das Besondere: Sie ist mehr als eine reine Wiese und mehr als ein reiner Wald. Wiesen- und Baumbewohner ergänzen sich. In alten Bäumen findet beispielsweise der Steinkauz Unterschlupf. Einige Vogelarten wie der Wendehals und der Wiedehopf suchen ihre Nahrung am Boden unter den Bäumen. Zahlreiche Insekten – die allermeisten unschädlich für das Obst, viele wie die Bienen sogar äußerst nützlich – bereichern die Wiesen. Von der vielfältigen Pflanzenwelt ganz zu schweigen. Einige Arten sind selten oder sogar kurz vor dem Aussterben.

Diese Oasen sind Kulturlandschaften – der Mensch hat seine Hand mit im Spiel. Es ist eine Symbiose zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umgebung. Anders ausgedrückt: Die Vielfalt kommt zustande, weil Streuobstwiesenbesitzer ihr kleines Stück Land pflegen. Davon profitieren Tiere und Pflanzen. Und natürlich auch der Streuobstwiesenbesitzer, der die Früchte erntet, sie frisch verzehrt oder weiterverarbeitet.







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