Website des Journalisten Johannes M. Fischer
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Gedanken zur Zukunft des Journalismus

Auch wenn Ostdeutschland und seine östlichen Nachbarländer gerne in einer riesigen Klischeewolke versinken - das Ende des Ossis, wie er 2012 in einem Artikel eines Wochenmagazins proklamiert wurde, ist ebensowenig gekommen wie Fukuyamas Ende der Geschichte. Geschichte endet nicht, solange Menschen daran schreiben. Auch nicht die des Ostens.


Wenn alte Männer verrückt werden









Mit einer Gastaufführung von Goethes Faust haben die Schauspieler des Theaters der Altmarkt aus Stendal und ein Musiker mit Livemusik auf der Bühne die Zuschauer von Arnstadt begeistert. „Ich habe zehn Faust-Aufführungen gesehen – diese hier gehörte zu den besten“, schwärmte Reinhard Köhler, Vorsitzender des Theatervereins Arnstadt, der das Theater am Schlossgarten betreibt. 

Manchmal bringt die vergehende Zeit im Theater nur Langeweile, hier war es komplett anders: Je länger die Spieler spielten, umso tiefer zogen sie ihr Publikum in den Strudel des Geschehens. Sehr starke schauspielerische Leistungen, großartige Musik und ein einfaches, aber wirkungsvolles Bühnenbild verzauberten den Abend der Arnstädter Zuschauer.


Die Inszenierung von Alexander Netschajew lag nah am Original, interpretierte es aber an entscheidenden Stellen auf überraschende Weise: Der Wette des Teufels mit Gott wurde vom Beginn des Stücks just vor jene Stelle gezogen, in der die teuflische Verführung Fausts beginnt. Damit bekommt das Schicksal eine andere Bedeutung: In Goethes Original ist Faust von Beginn an höheren Mächten ausgeliefert, in Netschajews Inszenierung steht erst die Sehnsucht des frustrierten Wissenschaftlers, die die Aufmerksamkeit des Teufels auf sich zieht. Erst dann folgt die Wette höherer Mächte um Fausts Seele.

Der zweite Eingriff ist noch gravierender und zieht die Geschichte gänzlich ins Irdische: Faust und Mephisto (Hannes Liebmann und Andreas Schulz) tauschen in der Pause die Rollen. Aus zwei Figuren aus verschiedenen Sphären wird – in zwei entscheidenden Szenen noch einmal untermalt durch große Fotomontagen im Hintergrund – eine. Faust ist Mephisto und Mephisto ist Faust. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“ Das naive Gretchen (Caroline Pischel, die auch noch weitere Rollen spielte) ist nicht länger das Opfer einer zynischen Wette zwischen einem Gott und einem Teufel. Täter ist jetzt allein ein alter böser Mann, der sich noch einmal jung und tatkräftig („Im Anfang war die Tat!“ und nicht das Wort) fühlen will.

Der dritte Eingriff ist die Musik auf der Bühne. Der Komponist und Musiker Niklas Fischer begleitet das Drama auf einem knappen Dutzend Instrumente live; die Komposition wirkt wie eine gewaltige und vielfältige Filmmusik, die das Schauspiel durch den Theaterabend trägt. Netschajew dreht damit Goethes Idee, in einem Vorspiel das Theaterstück durch eine mise en abyme als solches deutlich werden zu lassen, noch um eine Windung weiter: Der Musiker ist auch durch seine Positionierung am vorderen Bühnenrand faktisch das Bindeglied zwischen Publikum und Spieler.

Erstaunlich an der Inszenierung ist auch, dass fünf Schauspieler ausreichen, den gesamten Kosmos der Goetheschen Faust-Welt auf die Bühne zu bringen. Das liegt vor allem an dem Spiel der Akteure. Neben den Darstellern von Faust, Mephisto und Gretchen überzeugten auch Michaela Fent und Dimitrij Breuer, die unter anderem die Rollen von Marthe und Wagner spielten.

Das Haus war gut gefüllt, etwa hundert Zuschauer waren gekommen. Ein Jammer für alle, die die leer gebliebenen Sitze nicht füllten. Sie hätten sich auf angenehmste Art verzaubern lassen können, und zwar ganz ohne Risiko: Ihre Seele hätten sie wieder mit nach Hause nehmen dürfen, angereichert von einem erfüllten Theaterabend. 

13. April 2019, Fotos: jmf


Johanngeorgenstadt liegt im Dauersterben. Hinter monumentalen Erzgebirgsdenkmälern verbirgt sich eine große Verlorenheit

...bis es zu Ende ist


Johanngeorgenstadt im Erzgebirge ist eine sterbende Stadt. So lautete ihr trauriges Schicksal bereits in den frühen 1990er Jahren. Die Medien berichteten viel darüber. Mit demographischen Problemen hatten viele kleine Städte und Dörfer zu tun. Aber dieser Ort traf es besonders hart: Gelegen an einem hinteren Ostzipfel des Landes und vom Bergbau zerwühlt.

Fast 30 Jahre später. Wie sieht Johanngeorgenstadt heute aus? Ist die Stadt tatsächlich gestorben? Oder hat sie sich erholt?

Es ist ein sonniger Novembertag. Die wüsten Halden sind verschwunden, viele Häuser haben einen neuen Anstrich bekommen und sind nicht mehr so grau. Manche warten gleich mit einer extra grellen Farbe aus – wie ein Ausrufezeichen leuchten sie durch die Straße.

Es ist Feiertag, und man könnte annehmen, das Zentrum in der so genannten Mittelstadt sei deshalb so leer, weil die Geschäfte zu haben. Es gibt aber fast gar keine Geschäfte. Herumstehende Häuser beherbergen einen Lebensmittelmarkt, einen Frisör, ein Café, eine Apotheke. Etwas Bewegung ist im Gebäude der Sparkasse. Dort steht ein Geldautomat.

Hinter dem Sparkassengebäude kommt lange Zeit nichts. Oder vielmehr ein riesige gräserne Fläche. Am Horizont dieses Areals ein langgezogener, zweistöckiger Bau, der seine besten Tage hinter sich hat. Einst eine Kaserne, ist es heute das Rathaus. Überall bröckelt der Putz. Zehn, zwanzig Schritte weiter entfernt stehen die Briefkästen, das Blech angerostet. Einige Kästen haben ausgedient. Sie wurden nicht abgenommen, sondern zugeschraubt. Wer weiß, vielleicht wird man sie noch mal brauchen. Wenn, dann werden sie zwei Löcher in der Klappe haben. Ein Kasten hängt dort für die Sorgen der Bürger. Er ist leer. Eine sorgenfreie Stadt?

Johanngeorgenstadt hatte zur Zeit des Wismut-Bergbaus in den 1950er Jahren 40.000 Einwohner. Zur Wende waren es nur noch 9000, inzwischen ist der Ort auf 4000 Einwohner geschrumpft. Viele Häuser wurden abgerissen, viele stehen leer. Irgendwo zwischen den Häuserhüllen hat sich die Stadt versteckt, die Stadt der weiten Wege.

Es ist eine auseinander gerissene Stadt. Von der Neu- in die Altstadt sind es fünf Kilometer, die sich ziehen, weil der Ort nicht durchgängig bebaut ist. Dazwischen liegt die Mittelstadt, die sinnigerweise nicht Zentrum heißt, weil Johanngeorgenstadt nicht wirklich ein solches hat. Viele Häuser stehen vereinzelt oder in kleinen Gruppen zusammen, irgendwie verloren, wie Außenseiter auf dem Schulhof, die der Lehrer aufgegeben hat. Dazwischen unzählige Brachen, offen wie gähnende Münder, die das kleinstädtische soziale Leben schon im Ansatz mit ihrer ansteckenden Müdigkeit zerstören.

Ein wenig hat sich das Stadtbild dann aber im Verlauf der Jahre doch verändert. Der marode Charme des Rathauses in der Mittelstadt wird konterkariert durch eine riesige Weihnachtspyramide, die sich zweihundert Meter weiter im Gelände verlieren würde, wäre sie nicht so hoch: 26 Meter. Spendiert von einem ortsansässigen Unternehmer Siegfried Ott, der Sportauspuffanlagen baut. Auf der Pyramide stehen nicht, wie üblich, Engel und biblische Gestalten, sondern Persönlichkeiten, die sich um die Stadt verdient gemacht haben. Der Namensgeber der Stadt zum Beispiel, Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen. Oder der Spender. Er hält einen hölzernen Auspuff in der Hand. Ein ironisches Augenzwinkern mit der Gegenwart. Als Mäzen und größter Arbeitgeber gehört er zu jenen, die die sterbende Stadt am Lebenstropf halten. Für die Größe des Denkmals hat er eine Erklärungen: „Keiner beachtet uns. Es ist ein Herausstellungsmerkmal, damit man sieht, dass es uns gibt.“

Passenderweise bekam das Monument den Namen „Riesenpyramide“, und nach Angaben der Stadt „sucht dieser Riese aus Beton und Edelstahl weltweit nach Konkurrenz“. Hundert Meter weiter steht ein weiteres Erzgebirgssymbol im Gelände, und auch hier ging es offenkundig keine Nummer kleiner: Der „größte frei stehende Schwibbogen der Welt“, gleichfalls „spendiert“ von Siegfried Ott, ist 25 Meter breit und mehr als 700 Tonnen schwer.

Im Hintergrund ein einstöckiges Gebäude mit gläsernem Dachaufsatz, das nicht weiter auffallen würde, wäre es nicht grellgelb gestrichen. Hier residiert die Landeskirchliche Gemeinschaft. Das Wort Hoffnung steht in großen Lettern über der Tür.

Hoffnung und überdimensionierte Wahrzeichen, wo man geht, wo man steht: Die Stadt der Hoffnungslosen schreit laut in die Welt, dass sie immer noch lebt.

Ein paar Steinwürfe entfernt, im Schatten der Riesenpyramide, steht ein Lutherdenkmal. Hier finden sich weitere Durchhalteparolen: „Anstrengungen machen gesund und stark.“ „Gott ist dann am allernächsten, wenn er am weitesten entfernt scheint.“

In Johanngeorgenstadt muss Gott besonders nah sein.

Neben den Monumenten des Trotzes, nach der Wende entstanden, schleppt die kleine Stadt weitere Denkmäler mit sich herum, die ihr die Geschichte aufgehalst hat. Von vergangener Größe zeugt die ausrangierte Erzgebirgsschanze mitten im Wald, anderthalb Kilometer hinter dem Rathaus. Oder das herrschaftliche „Deutsche Haus“ unweit vom Bahnhof. Während der Wismut-Zeit nahm der sowjetische Geheimdienst das Haus in Beschlag. Jetzt zerfällt es. Eine andere Geschichte erzählt ein großes leeres Fabrikgebäude nahe der Stadtkirche. Während der Nazizeit wurden hier Menschen gequält. In der Außenstelle des KZ Flossenbürg produzierten Zwangsarbeiter Teile für die deutsche Luftwaffe. Man muss schon sehr genau hinschauen, um die kleine Tafel zu erkennen, die auf die traurige Geschichte des Gebäudes verweist.

Besser erging es der Stadtkirche der Ev.-Luth. Kirchgemeinde. Sie drohte einzuknicken, hing schief im Hang, weil die Erde unter ihr durchlöchert war. Sie wurde gesichert und saniert. Heute hält Pfarrer Christof Schumann einen Gottesdienst und verbreitet Hoffnung. Etwa 30 meist betagte Menschen haben sich eingefunden. Schumann trägt einen Psalm vor: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke… Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken…“ Dann ein Zitat von Tolstoi: „Falls du dem Gott nicht mehr glaubst, dem du früher glaubtest, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich bemühen, besser zu verstehen…“

Ein virtueller Dialog mit dem Luther-Denkmal in der Nähe des Rathauses: Du musst dich bemühen, Anstrengungen machen gesund und stark. Es liegt an dir. Irgendwann wird alles gut.

Und tatsächlich, unten im Talkessel von Johanngeorgenstadt, wo die Stadt nur noch im Übergang zum tschechischen Nachbarort Potůčky existiert, füllt sich der Ort der großen Leere plötzlich mit Leben. Hier wird das Geld ausgegeben, dass am Automaten beim Rathaus abgehoben worden ist. Potůčky sieht aus wie eine Goldgräberflecken. Irgendwie erscheint alles provisorisch, eng und wuselig, überhaupt nicht monumental, überhaupt nicht leer, überhaupt nicht still. An einem Feiertag wie diesem fallen die Menschen aus Zwickau, Annaberg und sogar aus Leipzig ein. In extragroßen Einkaufstüten und Kartons schleppen sie die Billigwaren – Textilien, Schnaps, Zigaretten, Opladen, im Dezember dann auch Silvesterböller – zu ihren Autos oder zum Bus. Im „Kiss Club“ können sich die Männer für wenig Geld auf Kosten der Frauen aus der Ukraine amüsieren, der „Friseur Hawai“ bieten einen preiswerten Haarschnitt an und im „Traum Restaurant“ bestellen die Besucher für ein paar Kronen zusammengepresstes Fleisch, das wahlweise Schnitzel, Steak oder Putenbrust heißt. Die Menschen, die hierhin pilgern, haben von Johanngeorgenstadt, der Nachbarstadt, nicht viel gesehen. Nur die Hauptstraße oder den Bahnhof.

Es wird dunkel, Potůčky leert sich und passt sich seiner deutschen Nachbarstadt an. Im „Bergmännl“, am anderen Ende von Johannstadt, in der „Neustadt“, brennt noch Licht. Auf der Karte stehen „Strammer Max XXL“, „Bockwurst mit Brötchen“ und „Bauernfrühstück“. Handwerker aus der Stadt kehren hier ein, immer wieder auch Fremde, weil das kleine Restaurant an einer Ausfallstraße liegt. An den Wänden hängen Früher-Später-Fotos. Wie Johanngeorgenstadt mal war, wie es heute ist. Es ist offenkundig, welche Zeit besser abschneidet. Auch heute haben sich einige Gäste eingefunden. Schweigend stochern sie auf ihren Tellern.

Aber einer spricht. Er macht sich keine Illusionen, was die Zukunft der Stadt betrifft. „Hier passiert nichts mehr“, sagt er. „Die jungen Leute gehen weg. Und wenn die Alten tot sind, ist es ganz vorbei.“ Ein Nachtleben gibt es nicht, meint er und bedauert das offenbar. „Die wollen alle in Ruhe schlafen, bis es zu Ende ist.“

Zur Stadtgeschichte

Johanngeorgenstadt ist geprägt vom Wismut-Bergbau. Das zunächst rein sowjetische, später deutsch-sowjetische Unternehmen suchte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und in den Anfängen des Kalten Krieges nach Uran, einem wichtigen Material für die Kernkraft und zum Bau der Atombombe. Damals lebten bis zu 40.000 Menschen in der Stadt – vornehmlich Bergarbeiter und ihre Familien. Das Wismutfieber zerwühlte den Ort – kaum ein Stein blieb auf den anderen liegen. Zahlreiche Häuser wurden in der Altstadt abgerissen, dafür neuer Wohnraum an anderen Stellen geschaffen.

Mit seiner Mitte verlor der Ort sein Gleichgewicht und wirkt bis heute zersiedelt und zerissen. „Gleichzeitig wurden private Unternehmer, die Klempter und Dachdecker, vertrieben; und Hausbesitzer verloren ihr Eigentum und wurden Mieter“, erklärt Bürgermeister Holger Hascheck. Dies wirke sich bis zum heutigen Tag negativ für die Stadt aus. In anderen Städten hätten sich nach der Wende ortsansässige Handwerker selbstständig gemacht und den Ort belebt. Nicht in Johanngeorgenstadt. Und auch das fehlende Wohneigentum habe Folgen: Wer kein eigenes Haus hat, zieht schneller weg, meint Hascheck. 

1959 war der Wismut-Spuk zumindest in Johanngeorgenstadt vorbei. Die Arbeiter gingen und nahmen ihre Familien mit. Was blieb, waren Halden, auf denen radioaktives Material lag, und viele, viele Zerstörungen. Die Nachfolgegesellschaft der Wismut, die nach der Wende gegründet wurde, hatte nur noch eine Aufgabe: Das Schlimmste, was sich über der Erde angesammelt hat, wegräumen. Die durchlöcherte Erde darunter verfüllen und fluten.

Doch das Leben brach nicht zusammen. Zahlreiche Ferienheime, Kasernen und verschiedene Fabriken garantierten eine Gnadenfrist, die erst 30 Jahre später mit der Wende abrupt endete. 1990 lebten immerhin noch 9000 Menschen in der Stadt.

Die Soldaten waren schon 1985 gegangen, jetzt machten auch die Betriebe und Ferienheime dicht. Noch mehr Menschen verließen den Ort. Heute sind es nur noch 4000 Einwohner.

Erschienen in Glaube und Heimat im November 2018


Wie Chemnitz nach dem Mauerfall zu der Stadt wurde, die sie heute zu sein scheint - und was sie mit Cottbus gemein hat.

In schwierigen Verhältnissen


Von West nach Ost. Aus Westberlin nach Sachsen. Das war 1991, wenige Monate nach der Wiedervereinigung. Ich wollte das andere Land kennen lernen, das für mich vermutlich genauso exotisch war wie dem DDR-Bürger der Westen. Zwei, drei Jahre lang. Tatsächlich blieb ich 19 Jahre in Chemnitz, anschließend zog ich in die Lausitz. In Ostdeutschland lebe ich bis heute.

„Chemnitz. Wirklich?“ Meine Freunde aus dem Studium waren verwirrt, als ich es ihnen erzählte. West-Berlin, dieses hektische, lebensgeile Rennpferd, eintauschen gegen einen lahmen und langweiligen Gaul aus dem Stall des bürokratischen Sozialismus? Chemnitz – wo liegt das überhaupt?

Ich habe Chemnitz etwas zu verdanken. Beruflich machte ich entscheidende Schritte. Ich fand Freunde. Ich wurde Vater. Meine Kinder sind Chemnitzer. Es tut mir unendlich leid, was gerade mit dieser Stadt passiert.

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen in Chemnitz und den folgenden, aufsehenerregenden September-Demonstrationen schien es so, als würde sich der Rauch ein wenig verziehen. Es passierten Dinge, bunte und feinsinnige Aktionen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die die hässlichen Momente überschreiben sollten. Das Konzert in der Innenstadt vor 65.000 Zuhörern, die auf ihre Weise gegen Fremdenfeindlichkeit demonstrierten. Es folgen bis heute weitere Aktionen.

Auch die schlechten Nachrichten hörten nicht auf. Verhaftungen. Rechtsextremistisches Terrornetz in Chemnitz… Erinnerungen an die NSU… Ein Nazinest – der Eindruck entstand vielerorts und nicht nur in Deutschland. Für das Ansehen der Stadt ein Desaster. In den Berichten darüber kommt Cottbus oft im gleichen Satz vor. Das liegt sogar nah. Nicht nur, weil beide Orte mit C anfangen. Denn eine rechtsextreme Szene gibt es auch in Cottbus und der Lausitz. Und Cottbus hatte in diesem Jahr auch seine eigenen dunklen Momente.

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Als ich 1991 kam, gab es noch kein Internet, aber auch die Kommunikation übers Telefon funktionierte nicht gut. Niemand wusste so recht, welche Rolle er zu spielen hatte, wie er sich zu verhalten hatte. Eine wilde Zeit: Alles war ausprobieren, alles abenteuerlich. Für viele Menschen war es aber auch furchtbar belastend und verunsichernd.

Dennoch: Die Chemnitzer erlebten, wie sich eine graue Maus mit allgegenwärtiger DDR-Architektur und einem gigantischen Karl-Marx-Kopf im Zentrum durch die extremen Wandlungen der Wendezeit kämpfte. Wie die Stadt mühevoll um eine neue Mitte rang und ihr herrliches Jugendstilviertel, den Kaßberg, herausputzte. Wie sie sich verlachen ließ als „Stadt der Moderne“ und es dennoch schaffte, sich einen Ruf als Kunst- und Kulturstadt zu erarbeiten.

Von außen betrachtet erschien Chemnitz zu Beginn der 90er Jahre wie ein graues schmutziges Blatt Papier. Aber es gab eine Menge aktiver Menschen, die den festgeklebten Staub abkratzten. Hervorschimmerte die gewichtige Vergangenheit einer bedeutenden Industriestadt. Die Umbenennung von Karl-Marx-Stadt in Chemnitz 1990 war nur die Eröffnung zu dieser Neubewertung.

Inzwischen ist Chemnitz wieder ein wichtiger Industriestandort in Ostdeutschland. Die Universität schneidet in nationalen Vergleichen regelmäßig gut ab. Eine engagierte Zivilgesellschaft hat sich herausgebildet, die Farbe auf das graue Stadtbild sprüht. Chemnitz wirkt wie eine Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, die ehrgeizig, zuweilen sogar verbissen darum kämpft, irgendwann einmal die Würstchen nicht mehr an der Bude holen zu müssen, sondern im eigenen Garten grillen zu dürfen. Die Sehnsucht nach Behaglichkeit, nach endlich-mal-zur-Ruhe-kommen, war über die vielen Jahren allgegenwärtig.

Als Neonazi-Stadt machte Chemnitz in den ersten beiden Jahrzehnten nach der Wende zumindest überregional kaum auf sich aufmerksam. Jedenfalls nicht mehr als andere Städte im Osten. Eher weniger. Wer genau hinschaute, konnte zwar im Schatten der großen Entwicklung auch die Herausbildung rechtsextremer Strukturen erkennen, aber das Thema war kein dominantes. Arbeitslosigkeit, Treuhand, Wohnungsbau, das schwierige Zurechtfinden – das waren die größeren Themen.

Rechtsextremismus, das ist eine vorübergehende Erscheinung, das war viele Jahre lang die allgemeine Einschätzung. Eine Jugendmode. Wenig ansehnlich, aber mit den Pubertätspickeln verschwinden auch die Spinnereien. Dachte man so.

Ich erinnere mich, wie ein Kollege in einflussreicher Position bei diesem Thema regelmäßig abwinkte: „Wir haben uns früher auf der Kirmes auch geprügelt.“ Eine Pubertät, die sich auswächst, und bei weitem nicht so dramatisch, wie es der eine oder andere Journalist hochschreiben mochte.

Aber in den frühen 90er Jahren konnte man ja auch noch nicht ins Jahr 2018 blicken...

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Ich selbst glaubte lange Zeit, Chemnitz, die eher trockene Ingenieurstadt, sei weitgehend immun gegen sowas. Gewiss, überall lagen Körnchen neonazistischen Wahnsinns, aber doch eher versprenkelt, in Schach gehalten von einer aufkeimenden Bürgerlichkeit, einer zukunftsgläubigen Bodenständigkeit. Gehaltserhöhungen, Reisen ins Ausland, größere Autos, das Eigenheim – die Träume des strampelnden Jugendlichen nahmen Formen an.

Aber es ging eben nicht allen gut und vor allem ging es nicht ständig immer allen gut – einen Riss hatte das Bild der sich ausbreitenden Normalität von Beginn an. Es waren die sozialen Verwerfungen, die über Jahre die Alltagsgespräche bestimmten, die damit einhergehende Angst vor der Zukunft, die Entwertung von Biographien, die Ungleichbehandlung bei Lohn und Renten, das fehlende Wissen darüber, wie diese Gesellschaft funktioniert, von Bankgeschäften über Versicherungen bis zum Autokauf. Einige kamen damit zurecht, andere weniger.

Während sich also Chemnitz zu einer beachtenswerten Kunst- und Kulturstadt mit solider Wirtschaftskraft entwickelte, blieben Teile der städtischen Gesellschaft in den 90er Jahren hängen. Mit Internetanschluss und Smartphone, ja. Auch mit einem gemäßigten Wohlstand. Aber die alte Wunde wollte nicht verheilen. Es war anstrengend, sich eine neue Übersichtlichkeit zu schaffen, die heute, so der Glaube, gefährdet erscheint. Nicht noch einmal Aufbruch! Nicht schon wieder um das Bestehende kämpfen müssen! Nicht schon wieder eine andere Zeit, eine andere Welt…

Wenn die Verstörten – oft mit ihren erwachsen gewordenen Kindern – jetzt demonstrieren gehen, laufen sie sich die Verunsicherung aus den Beinen, aber sie bestätigen sie sich gleichzeitig und gegenseitig und geben ihr somit weitere Nahrung. Die Neonazis, teilweise ebenfalls älter geworden und mit der Nachfolgegeneration auf der Straße, befinden sich dabei nicht mehr am Rand der Gesellschaft, auch an der Seite des Protests wie zu Beginn der Pegida-Märsche, sondern mittendrin. Das nimmt die Gemeinschaft der Lebensbestraften mittlerweile in Kauf. Die Grenzen zerfließen.

Für mich persönlich ist es traurig, dass ausgerechnet Chemnitz dies so deutlich offenbart. Es hätte fast jede Stadt im Osten treffen können, wo der Ausländerhass zum Ventil für den Seelendruck wird, denke ich. Es ist Anfang September, mitten im Chemnitzer Aufruhr, und ganz Deutschalnd spricht über die Schrecken, den der offen zur Schau getragenen Hass auf Fremde und Flüchtlinge hervorgerufen hat. Gesprochen wird aber auch darüber, dass die „besorgten Bürger“, die den Untergang von Recht und Ordnung fürchten, endlich ihre Stimme erheben würden.

Ja, es hätte nicht Chemnitz sein müssen, aber nun spielt das Drama nun einmal dort. Und eigentlich spielt es auch keine Rolle, wie die Stadt heißt, wo es passiert, denn es geht ja nicht wirklich um Chemnitz, sondern um die Art, wie die Gesellschaft künftig noch im Dialog bleiben will. Während ich an jenem heißen Wochenende Anfang September durch die befremdliche Szenerie aus Demonstrationen, Gegendemonstrationen, Wasserwerfer, Pferdestaffeln, Provokateure, Gaffer, Jagende und Flüchtende laufe, tauchen Erinnerungen auf. Episoden aus der Vergangenheit erscheinen plötzlich in einem neuen Licht.

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Da war zum Beispiel das konspirativen Treffen mit einem vermeintlichen Aussteiger aus dem engen Umfeld des 1991 verstorbenen Neonazi Michael Kühnen. Der Mann war in meinem Alter, irgendwo in den Dreißigern, hatte sich nach der Wende in Chemnitz angesiedelt. Wir trafen uns in einem unscheinbaren Café, gelegen an einer Ausfallstraße. Er erläuterte, was alles passieren würde nach der Machtübernahme. Auch in den eigenen Reihen müsse man kräftig „durchkämmen“. Aber noch seien die undisziplinierten Schläger auf der Straße nützliches Werkzeug. Journalistisch gesehen ein interessanter Fall, der aber keine Verallgemeinerung zulässt. Dachte ich.

Was ich damals nicht wusste: Er war nicht der einzige Hardcore-Nazi in Chemnitz. Sehr viel später erst kam raus, dass die NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe an verschiedenen Stellen der Stadt Unterschlupf gefunden hatten und Banken ausraubten. Aber wer bekam das schon mit? Angeblich nicht einmal der Verfassungsschutz. Und nun taucht plötzlich die „Revolution Chemnitz“ wie aus dem Nichts auf.

Es gibt noch eine Reihe anderer Einzelgeschichten, die aus heutiger Sicht eine Entwicklung ankündigten, aber damals sowohl von der Politik, aber auch von den Medien doch eher als Abweichung von der Normalität bewertet wurden. Kaum einer ahnte in den 90ern und auch noch nicht in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, dass sich der Begriff des Normalen verschieben würde.

So war auch der fast 90 Jahre alte Mann aus der Nachbarschaft für mich eher ein interessantes Relikt aus der Vergangenheit, interessant, weil er fünf verschiedene Staatsformen durchlebt hatte: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Staat, DDR und nun Bundesrepublik. Ein Kuriosum, ein Glücksfall für meine Neugierde. Dass er DDR und Hitlerzeit gleichermaßen weitaus positiver bewertete als die wenigen Jahre, die er in der Nachwendezeit lebte, fand ich überraschend, weil er ein eigenes Haus hatte, nette Nachbarn und eine Familie, die sich um ihn kümmerte. Medizinisch wurde er bestens versorgt. Trotz seines hohen Alters unternahm er sogar Reisen, die ihm zumindest in der DDR-Zeit so nicht vergönnt waren. Schlecht ging es ihm nicht, allein das Alter, wiewohl ziemlich rüstig, machte ihm etwas zu schaffen.

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Heute würde ich sagen: Dieser einfache, alte Mann war ein Typ aus der Zukunft. Als ich mich am Wochenende unter die Rechtsgerichteten mischte, war ich umgeben von Menschen, denen es persönlich nicht ganz schlecht und mitunter sogar richtig gut geht, und die dennoch glauben, dass es insgesamt unaufhaltsam schlechter wird. Und die deshalb nichts sehnlicher wünschen als die konsequente Herstellung von Recht und Ordnung, was nur ein Synonym ist für den starken Staat, für Sicherheit, für Pfade, die nicht schon wieder in unbekannte Richtungen führen. Die Welt soll sich immer schön im Kreis drehen, und die Dinge dort stehen bleiben, wo sie gestern und vorgestern auch schon standen.

Tatsächliche gibt es gar keine Kreise, allerhöchstens Spiralen, so dass man nach einer Umdrehung einer tieferen Vergangenheit näher zu sein scheint als der soeben entschwundenen Gegenwart. Jedenfalls kam es mir so vor, als ich vor wenigen Tagen auf die Schauspielerin Magda Decker traf, mit der ich vor Jahren in Potsdam beruflich zu tun hatte. Damals spielte sie an einem Potsdamer Theater in einem Stück, das sich mit Rechtsextremismus auseinandersetzte. Nun wieder – nur in Chemnitz. In den „Sieben Geistern“ spielt sie eine junge, wütend-frustrierte Frau, die merkt, das was nicht stimmt mit ihrer Familie. Was nicht stimmt, ist das generationenübergreifende kollektive Verdrängen und Verschweigen. Das Unheil, das ihren Eltern und Großeltern während der NS-Zeit und der DDR widerfuhr und die Mittäterschaft, unter der sie leiden, lebt irgendwie fort und vererbt sich über die Träume.

In den heißen Tagen Anfang September war Magda Decker wie viele andere auch auf der Straße. Wie viele andere auch wurde sie überrascht von den rechtsradikalen Wucht. „Das tat weh. Es bedrückt mich. Es ist traurig.“ Aber Chemnitz ist deswegen nicht für sie untergegangen. Sie wird weiterhin eine von denen sein, die Farbe versprühen. Deshalb schaut sie auf die Uhr. Am nächsten Tagen stehen Proben an. „Ich muss noch an meinem Text arbeiten.“

Das Theater geht weiter. Das Leben auch. Chemnitz kommt zurück. Doch die Tage, an dem Hass und Angst sich so Bahn brachen, ist nun ein Teil der Stadtgeschichte. Und wie es scheint, folgen weitere dunkle Kapitel. Chemnitz hat eine offene Wunde. Chemnitz, die kämpfende Jugendliche, wird nicht in der erträumten Behaglichkeit ankommen. Aber das ist wohl auch nicht ihr Platz. Sie ist eine Kämpferin. Wie Cottbus.

Eine gekürzte Fassung ist erschienen in der Lausitzer Rundschau im November 2018

 

Über Heldenverehrung in Polen - und eine ironische Antwort aus der Ukraine. 

Die großen Männer mit den langen Bärten



Wie sollte es anders sein auf einem Königsweg? Für den deutschen Beobachter ist die Warschauer Allee der Sehenswürdigkeiten ein Schaulaufen versteinerter Männer aus der Vergangenheit: Nationaldichter, Würdenträger aus der Kirche und – weit oben im Rang – Märtyrer aus der Politik. Frauen scheinen für solche Positionen offenkundig weniger geeignet zu sein.

Wobei Schaulaufen vielleicht nicht ganz der richtige Begriff ist, auch wenn die Denkmäler aufgrund ihrer Vielzahl den Eindruck verschaffen, als seien sie in Bewegung. Es ist das Hase-Igel-Prinzip: Kaum hat man einen hinter sich gelassen, steht der nächste schon wieder vor einem. Und wie die beiden Igel gleichen sich Priester, Poeten und Politiker bei all ihrer Verschiedenheit doch erheblich. Die graue Farbe, die wahnsinnige Größe, die Abgehobenheit auf dem Sockel, die erhabene Geste. Unbeirrbar, kompromisslos, mit dem Anspruch auf Ewigkeit. Fest auf dem Boden menschlicher Macht- und Unterwerfungsphantasien. 

Unbestrittene Nummer Eins unter den versteinerten Märtyrern ist im katholischen Warschau natürlich Jesus, der in tausendfacher Ausführung vornehmlich in Kirchen seine stille Macht ausübt. Deutlich sichtbarer auf der Straße aber ist ein Märtyrer aus der Neuzeit: Lech Kaczyński, zu Tode gekommen beim Flugzeugabsturz in Smolensk im Jahre 2010. Der Beginn einer neuen Zeitrechnung in Polen…

Der tote Kaczyński ist als Denkmal bereits nach wenigen Jahren fast schon so was wie ein Evergreen unter den Denkmälern. Mal mehr, mal weniger opulent feiert der frühere Präsident eine Art Auferstehung. Da ist es schon außergewöhnlich, wie zurückhaltend er auf asketischen Smolensk-Gedenktafeln präsentiert wird, gleich vor dem Präsidentenpalast. Manchmal hängen dort auch ein paar Kreuze aus Birkenholz windschief in einer schweren Absperrkette aus Eisen. Aber selbst diese Einfachheit hat etwas aufdringliches, weil sie den monumentalen Schlossbau und ein älteres Riesendenkmal – ein Kriegerfürst auf einem Pferd mit gezogenem Schwert – verschwimmen lässt. Es ist wie mit der Hintergrundunschärfe auf einem Foto: Das Detail im Vordergrund sticht ins Auge, der Hintergrund untermalt das Detail nur noch in schweren Tönen.

Warschau 2018 ist natürlich viel mehr als die Ansammlung von Denkmälern, es ist modern und quirlig. Dennoch fallen die Monumente wieder mächtiger ins Gewicht, seitdem die konservativ-klerikale Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) verstärkt das Geschäft der Helden- und Legendenbildung betreibt. Vorneweg Parteichef Jarosław Kaczyński, der Zwillingsbruder von Lech.

Für die Sozialanthropologin Annamaria Orla-Bukowska, die an der Jagiellonen-Universität in Krakau forscht und lehrt, hat das machtpolitische Gründe.

Aufgebaut wurde die PiS 2001 von den Zwillingsbrüdern Kaczyński. Das herausragende Merkmal war anfangs ihr Eintreten für eine konsequente Kriminalitätsbekämpfung – also eine klassische Law and Order-Partei, die zudem ein traditionelles Familienbild förderte, wo Schwangerschaftsabbrüche oder Homosexualität keinen Platz finden. Nur vier Jahre nach ihrer Gründung wurde sie stärkste Partei im Parlament und bildete für zwei Jahre lang die Regierung. Bei den Wahlen 2007 verlor sie aber wieder ihre Führungsrolle – und die Regierungsmacht.

Der Machtverlust verführe Politiker manchmal dazu, auf einen heroischen Nationalismus zu bauen, um diese Macht wiederzuerlangen und dann auch zu behalten, meint Orla-Bukowska. Beispiele seien der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und eben PiS-Parteichef Jarosław  Kaczyński. „Manche Wähler mögen es, zu hören, sie seien Helden. Wenn das nämlich stimmt, können sie sich stolz fühlen und nicht schuldig oder beschämt.“ Das funktioniere besonders gut im Osteuropa des 21. Jahrhunderts, wo es im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust und der kommunistischen Vergangenheit so viele Schuld- und Scham-Diskussionen gegeben habe.

Und so wird die alte Legende von der Rechtschaffenheit eines Landes und seines Volkes aufgeführt. Wenn dies tatsächlich die Strategie gewesen sein sollte, ging sie auf: 2015 kam die PiS mit viel Furore wieder an die Macht.

Eine bedeutende Rolle bei der Neujustierung des Geschichtsbildes spielt das Märtyrer-Dasein, wo sich Opferrolle und Heldentum verbinden: Polen, so die Darstellung, musste sich in seiner Geschichte immer wieder wehren, gegen Kommunismus, gegen Faschismus, gegen die Sowjets, gegen Russland, gegen Deutschland. Es war immer wieder Opfer, aber es hat sich niemals unterkriegen lassen, so die idealisierte Erzählweise. Das neue Gesicht dazu liefert der neue Held Lech Kaczyński: Bis zum heutigen Tag zweifeln Verschwörungstheoretiker und Bruder Jarosław die Unfallthese an – sie glauben an ein Attentat, gesteuert aus Russland. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden.

Dass Polen in seiner Geschichte viel Leid und Ungemach erfuhr, ist unbestitten. Aber spätestens im Jahr 2001 bekam das Bild der vollkommenen Unschuld Risse, als Jan T. Gross das Buch „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“ veröffentlichte. Es sorgte für viel Erregung und Diskussion, weil es das Massaker an Juden im Jahr 1941 durch polnische Bewohner der Stadt Jedwabne aufhellte.

„Polen waren nicht nur Opfer“, stellt Orla-Bukowska fest. Und selbst in Fällen, wo sie Zeugen waren, sei doch festzuhalten: „Zeugen können hilflos sein, manchmal sind sie aber auch mitleidslos.“

Solche Gedanken trüben das Bild vom zeitlos-heldenhaften Dasein. Wo doch der Umgang mit Helden – insbesondere mit versteinerten – ohnehin schon schwer genug ist. Für die, die sie erschaffen, weil sie das Gedenken an die großen Taten ständig wach halten müssen. Für die, die sich von der Heldenverehrung abgestoßen fühlen, weil sie ihre Übermacht entweder lächerlich oder gar bedrohlich empfinden. Und auch für die, die die Idealisierungen als eine Beleidigung ihres Intellekts empfinden.

Allerdings gibt es durchaus auch eine ironische Art, die Anwesenheit der Helden zu billigen, ohne sie zu huldigen.

Die kanadische Soziologin und Journalistin Barbara Thériault, die sich intensiv mit Erinnerungskultur in Ostdeutschland beschäftigt, war in diesem Jahr für mehrere Monate Stadtschreiberin im ukrainischen Lwiw (Lemberg). Sie hat sowohl Polen als auch die Ukraine bereist. Eine Vorliebe für „große Männer mit langen Bärten“ erkennt sie in beiden Ländern. In ihrem öffentlichen Tagebuch macht sie ein Experiment: Was wäre, wenn die Statuen anfangen würden, zu sprechen? Sie beschreibt den „versteinerten Präsidenten“ Mychajlo Hruschewskyj, wie er milde auf „seine“ braven Dienstleute herabblickt, die in aller Frühe die Straße kehren. Dass er als riesiges Monument nur in den Köpfen der Menschen lebt, ist dem vor vielen Jahrzehnten verstorbenen Präsidenten nicht bewusst. „Manche behaupten, ich sei etwas steif geworden, aber man bewegt sich im Alter bekanntlich weniger.“ 

Erschienen in der Lausitzer Rundschau und der Märkischen Oderzeitung im Oktober 2018


Ein Feuilleton von Barbara Thériault über die Ratlosigkeit.

Unter dem Tannenbaum ist nicht nur Licht












„Wenn du Weihnachten zu uns kommen willst, solltest du nicht mit deinem Vater über Politik reden.“ Das sagte mir meine Mutter letztes Jahr am Telefon.

Dieses Jahr bin ich nicht in Kanada, sondern in Deutschland. Rückblickend auf das Jahr 2017 in Erfurt droht mir vielleicht das Gleiche hier. Zeit also, um sich auf die „schönsten Tage“ des Jahres und auf bestimmte unerwünschte Ansichten weltanschaulich vorzubereiten. Ich besinne mich auf zwei Situationen und die Reaktionen, die sie hervorriefen. 

Öffentliche Anhörung im Landtag zur Genehmigung von Sakralbauten

An einem nassen Dienstagabend im Januar dieses Wahljahres nehme ich die Straßenbahn gen Süden, zum Landtag. Dort gibt es eine öffentliche Anhörung zur „Regelung religiöser und kultureller Konflikte und Gefahren bei Sakralbauten.“ Ich staune über die Polizeipräsenz, gebe meinen Namen an, bevor ich Mantel und Tasche in der Garderobe abgebe.

Es ist spät, also eile ich zur Zuschauertribüne. Es ist so voll, dass ich auf den Treppen zwischen zwei Sitzreihen Platz nehme. Von der Tribüne aus kann ich sehen, was im Plenarsaal vor sich geht: Einzelne Abgeordnete sind mit ihren Handys und Tablets beschäftig. Die Fülle oben steht im Gegensatz zur Leere unten.

Der Mann, verantwortlich für die öffentliche Anhörung, sitzt schon. Neben ihm ein anderer Mann und eine Frau. Er ist der Einwohner Marbachs, der im Rahmen einer Petition über 5300 Unterschriften gesammelt hat, um das Baurecht zu ändern und den Bau einer Moschee zu verhindern. Einige Monate davor hatte die Stadt einer kleinen muslimischen Gemeinde ein Grundstück verkauft. Eine Moschee, samt Minarett und Kuppel, sollte im Ort gebaut werden.

“Hm, hm."

Der Präsident des Petitionsausschusses bittet um Aufmerksamkeit und fordert den Antragsteller auf, sein Anliegen vorzutragen.

Nachdem er sich bei seinen Unterzeichnern bedankt, fängt der Redner an, Argumente gegen den Moscheebau aufzulisten. „Zu prüfen wäre...“, „es ist unklar, ob...“, „untransparent ist, ob...“ Es ist von vielen Details die Rede, irgendetwas mit der Einfahrt einer beiliegenden Feuerwehr, Parkplätzen, Lärm...

Mit Zitaten aus zahlreichen Quellen – die Presse, das Grundgesetz, EU-Richtlinien zum Thema Diskriminierung – will der Redner sichtlich zeigen, dass er kundig ist. Diese Gemeinde sei erzkonservativ, eine Minderheit, eine Sekte, von anderen Muslimen nicht anerkannt. Er sieht Konflikte zwischen ihnen und anderen muslimischen Gruppen; weist auf gelesene Ansichten zu Frauen und Homosexuellen auf. „Mit den Anschlägen auf Moscheen in der ganzen Welt, die alten Menschen in Marbach haben Angst“, braust er auf. Der Redner ist auffällig darum bemüht, dass „wir“ zu betonen: „unsere Feuerwehr“, „unsere Senioren“, „unsere Frauen“, „unsere Schwulen.“

Während ich mich frage, ob die Schwulen sich tatsächlich von ihm vertreten fühlen, geschieht etwas: Die Stimme des Redners wird lauter, aufgeregter.. Er hat das gefunden, was ein bekannter Soziologe eine „Sache“ nennt. Die Sache atmet nicht durch ihn aus; es scheint eher umgekehrt: Die Sache zeugt ihn, verleiht ihm und seinem Leben eine Mission, einen Sinn. Das Publikum um mich herum auf der Tribüne, Männer in karierten Hemden und Frauen mit kurzen Frisuren, saugen begierig seine Worte auf. Ich sitze wohl inmitten von Befürwortern, denn es wird geflüstert „ja“, „ja“, „genau.“ Keiner denkt daran, sein Smartphone zu benutzen.

Unten spricht der Redner weiter mit Leidenschaft. Es ist, als ob er seinen Text vergessen hätte. Nun ergeht er sich in einer Tirade gegen die Grünen. Die meisten Abgeordneten sind weiterhin mit ihren Handys und Tablets beschäftigt; sie lassen sich mit der Außenwelt verbinden und scheinen gegen seine Argumente immun zu sein.

„Herr X", der Präsident unterbricht den Redner und ruft ihn zur Ordnung auf. Er habe seine Redezeit längst überzogen und solle beim Thema bleiben, der Genehmigung von Sakralbauten. „Es macht uns Angst“, sagt er etwas pathetisch. „Man macht sich verdächtig, wenn man bestimmte Fragen stellt und die Marbacher fühlen sich von der Politik verlassen“, fügt er hinzu. Er nimmt einen tiefen Atemzug und will noch etwas sagen, aber der Präsident bittet ihn erneut, zum Schluss zu kommen. Er schlägt dann vor — und es kommt einem ganz unvermittelt vor — was er als einen „fairen Mittelweg“ erachtet: eine Moschee ohne Minarett und Kuppel.

Der andere Mann ist an der Reihe, der Anwalt, der bei der Petition mitgewirkt hat. Seine Notizzettel lesend, gibt er ein Beispiel aus Westdeutschland, behauptet, dass die erwähnte muslimische Gemeinde eine Sekte sei, spricht über Sicherheit und die Angst vor religiösen und ethnischen Konflikten, Mangel an Akzeptanz... Als er fragt: „Wo sollen die normalen Muslime eine Moschee bauen?“ verwundert das inzwischen nur noch mäßig. Er erwähnt auch Goethe und Schiller, aber keiner hört mehr zu.

Der dritte Redner ist eine Rednerin. Sie beginnt mit einer Aussage zu potenziellen religiösen Konflikten, der Sorge um Religionsfreiheit und die Lage der Konvertiten im Mittelosten. Gerade als sie anfangen will, theologisch zu argumentieren, unterbricht sie der Präsident: „Frau Y, die Zeit ist um.“ Die zwei ersten Redner hatten zu viel Zeit in Anspruch genommen. Offenkundig gilt der Schutz „unserer Frauen“ nicht ihrer Redezeit.

Nun kommt der Regierungsexperte. Seine Antwort ist bündig: Die Rechtslage sei eindeutig, die Religionsfreiheit wird im Grundgesetz gewährleistet, es solle keine Diskriminierung geben; baurechtlich gäbe es keinen Grund gegen den Moscheebau. In etwa vier Minuten hat der Experte die Argumente des Antragstellers zurückgewiesen. Die Zügigkeit und Sachlichkeit der Antwort war, wenn man will, indirekt proportional zur Länge und Emotionalität der Belange der Anzuhörenden.

Draußen regnet es immer noch. In der Straßenbahn versuche ich mit der brutalen Wirkung der knappen Regierungsantwort auf der Anhörung klar zu kommen. Dem Antragsteller wurde erlaubt, sein Anliegen vorzutragen, aber eine Diskussion zu den geäußerten Ängsten und Emotionen wurde nicht zugelassen; eine öffentliche Anhörung sei kein geeigneter Ort dafür. Dieser Eindruck sollte aber nicht vergessen lassen, was geschehen war. Der Hauptredner hatte etwas gewonnen: Sein Selbstgefühl wurde sicher gestärkt und ein möglicher Geltungsdrang befriedigt. Auch in dem Fall, dass seine Petition nichts ändert – die Moschee wird gebaut – hatte er einen Moment gehabt.

Ich steige aus. Ich bin mit einer Bekannten verabredet. Nach der Ankunft der Flüchtlinge 2015 hatten wir auch eine Auseinandersetzung. Wir beruhigten uns, aber wir sind fortan beide vorsichtig geworden. Über die Petition unterhielten wir uns nicht.

Abendvortrag eines Politikers an einer katholischen Akademie

Ich werde Zeugin einer ähnlichen Reaktion, diesmal bei einem Abendvortrag eines Politikers an einer katholischen Akademie im März.

Der Politiker ist ein ehemaliger Abgeordneter und Präsident des Bundestages. Er liest eine formsichere Rede, macht rhetorische Pausen, bewegt übereinstimmend seine Hände und seinen Körper. Er hält eine typische Rede linksliberaler Haltung der alten BRD, mit Verfassungspatriotismus im Vordergrund, plus – in diesem Fall – der friedlichen Revolution. Er spricht über Konflikte als Integrationsmotoren; der Bedeutung, sich Debatten zu stellen; andere sowie die eigene Position zu kennen und anzuerkennen; über Deutschland als Einwanderungsland und das Dilemma der Demokratie. Infolgedessen lässt er Namen fallen – Böckenförde, Habermas, Rosa – und Begriffe wie Globalisierung, Digitalisierung, Beschleunigung. Obwohl es nicht das Thema des Abends ist, erwähnt der Redner mehrmals den Islam.

Als ich erfahre, dass der Vortragstext schon in einer großen Tageszeitung erschienen ist, bin ich etwas enttäuscht; es gibt mir aber die Gelegenheit, mich umzuschauen. Das Publikum ist mittleren bis höheren Alters, gebildet, katholisch. Es ist aufmerksam, aber müde. Die Freundin, die ich begleite, hat Mühe, die Augen aufzuhalten.

Der Vortrag ist vorbei und die Diskussion beginnt. Das Publikum stellt ein paar höfliche Fragen. Dann passiert es: Ein Mann steht auf, sagt etwas wie „man sollte doch reden können“, „das wird man doch noch sagen dürfen“ und weist auf einen polemischen Buchautor hin. Die Veranstalter fallen ihm gleich ins Wort: „Solche Argumente will man hier nicht hören.“ Bevor er eine Frage stellen kann, wird er abgespeist.

Wie am Januarabend im Landtag wiederholt sich eine eigensinnige Reaktion auf einen Teil des Publikums und seine Gefühle. Wenn die Sicherheitskräfte vor Ort gewesen wären, wäre der Mann wohl entfernt worden. Für den Redner und das gleichgesinnte Publikum brauchte man nicht mit den „man sollte doch“-Männern zu räsonieren. Offenkundig gilt das Gebot, sich der Debatte zu stellen, nicht für alle.

Es ist spät. Die Diskussion ist nicht zu Ende, aber der Politiker muss schnell zum Bahnhof. Meine Freundin ist nicht die Einzige, die gegen die Müdigkeit kämpft. Über den Abend werden wir nicht reden. Heute nicht.

Was ist mit Weihnachten, wenn große Themen auf den engen Raum der Familie treffen?

Wenn ich auf das Jahr zurückblicke, wird eins klar: Irgendwie war es nie der richtige Ort oder Moment über eine Moschee, den Islam oder das Kopftuch zu reden. Weder bei öffentlichen noch bei privaten Veranstaltungen. In Kanada übrigens auch nicht – die Einführung eines Punktesystems bei der Einwanderung löst wohl nicht alle Probleme.

Auch ich wollte es oft nicht. Als ich doch darüber reden wollte, musste ich fürchten, eine Forschungspartnerschaft oder eine Freundschaft aufs Spiel zu setzen; manchmal waren auch meine Gesprächspartner schlicht zu müde oder hatten einfach keine Lust.

Und was ist mit Weihnachten, wenn die große Politik auf den engen Raum der Familie trifft? Auch wenn es meiner Mutter nicht gefallen würde, könnte ich eine Erklärung wagen, warum mein Vater verunsichert gegenüber dem ist, was ihm unbekannt ist. Er würde es heftig bestreiten und auf einen persönlichen Konflikt zurückführen. Dieses Jahr aber nicht.

Dezember 2017

* Die Grundsteinlegung für den Bau der Moschee gab es etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Textes. 


Auf ein Wort in Excel: Reaktionen auf die Sonntagsfrage in Thüringen im März 2019 auf Twitter und Facebook


Die Galerie der Präsidenten

Adonisröschen und Staatspalast: Wie sich Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten auf Facebook präsentieren

Der erste Eindruck zählt – eine Binsenweisheit in der Welt derer, die sich in der Öffentlichkeit bewegen. Den sechzehn Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder sollte dies bekannt sein. Fünfzehn von ihnen präsentieren sich auf Facebook. Der erste Eindruck, das ist das Titelbild oder der Titelfilm. Nun stelle man sich vor, diese Bilder wären in einer Ausstellung zu sehen. Der folgende Text lädt zu einem Rundgang durch ein kleines fiktives Museum ein, in dem sich die PolitikerInnen zeigen, wie sie im März 2019 gesehen werden wollen. Ein Bilderrahmen bleibt allerdings leer: Es ist die Präsentation des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU).

Damit ist er der Typischste aller typischen Ostdeutschen. Drei von Fünfen treten nämlich mit ihrem Titelbild deutlich bescheidener auf als ihre westdeutschen KollegInnen. Oder, je nach Blickwinkel: weniger aufdringlich. Oder einfach nur bodenständig. Von Reiner Haseloff war bereits die Rede. Er ist einfach nicht da. Der Aufwand, zum Beispiel die Kontrolle beleidigender und rechtswidriger Inhalte, sei einfach zu hoch, sagt ein Regierungssprecher. Es sei auch zu schwerfällig – im Gegensatz zu Twitter, wo Haseloff fleißig schreibt. Wie Bodo Ramelow (Die Linke) aus Thüringen, der aber auch weiterhin eifrig Facebook bedient. Er zeigt seinen etwa 30.000 FB-Abonnenten eine Luftaufnahme von der Bleilochtalsperre, einem Ausflugsort in Thüringen, der ihm auch persönlich sehr am Herzen liegt. Als Symbol gedeutet, vermittelt das Bild so etwas wie Heimattreue. Völlig bezugslos und komplett unpolitisch ist das Titelbild von Dietmar Woidke (SPD) aus Brandenburg: Er zeigt bis zur vorigen Woche Schneeglöckchen mit der Bildunterschrift: „Erste Frühlingsboten“. Inzwischen ist das Schneeglöckchen einem Adonisröschen gewichen. Auch hier könnte Heimat hineininterpretiert werden, gegebenenfalls Naturnähe, sicherlich auch Bodenständigkeit – denn was ist dem Boden näher als eine Pflanze. Etwas mehr als 4400 Abonnenten spricht Woidke damit an.

Voll im Mainstream, aber auch irgendwie „moderner“, weil bewegter, präsentiert sich Michael Kretschmer (CDU) aus Sachsen. Er lässt für fast 23.000 Abonnenten eine Slideshow laufen, die ihn in verschiedenen sozialen Situationen zeigt. Wirtschaftsbetrieb, Konferenzraum, Kinderfest, Radtour, Folklore und so weiter. Kretschmer ist übrigens gemeinsam mit dem Niedersachsen Stephan Weil der einzige, der den Titel „Ministerpräsident“ im Namen führt.  Manuela Schwesig aus dem Ost-Land Mecklenburg-Vorpommern (fast 44.000 Abonnenten) zeigt sich ebenfalls in Gesellschaft, allerdings nur auf einem einzelnen Foto. Sie läuft ein wenig nach innen lächelnd im Vordergrund, im Hintergrund in stärkerer Schärfentiefe fröhliche Menschen, die auf sie blicken. Interessant: Kretschmers Slideshow wird von Männern dominiert, umrahmt von Kindern und wenigen Frauen. Mustergültig ist die Abbildung einer Konferenzsituation mit sieben Männern und - am Ende des Tisches - eine Frau. Auf Schwesigs Foto hingegen dominieren Frauen und Mädchen.

Auch die zweite Frau in der Präsidentinnen- und Präsidentenriege zeigt ein einzelnes Foto, das soziale Kompetenz assoziiert. Malu Dreyer aus Rheinland-Pfalz (SPD) präsentiert sich für knapp 59.000 Abonnenten mit einem Mädchen, das einen Bauhelm aufhat. Lächelnd blicken sie gemeinsam auf ein Stück Papier, einen Plan. Beschriftet ist das Foto wie ein Plakat, optisch als auch von der Wortwahl: „Starke Bilanz, weiter anpacken! Heute für morgen.“

Mächtig, weil mit Symbolen der Macht, präsentieren sich die drei Männer aus den Ländern Bayern, Bremen und dem Saarland. Alle drei zeigen einzelne Fotos. Markus Söder (CSU) aus dem Süden mit fast 81.000 Abonnenten und Carsten Sieling (SPD) aus dem Norden mit etwas mehr als 6000 Abonnenten zeigen ihren Regierungssitz, wobei der monumentale Bau in München sehr viel ehrfurchtseinflößender ist als das Rathaus in Bremen, das demokratischer wirkt, weil es den Platz vor dem Gebäude zeigt, der mit Menschen bevölkert ist. Das Foto aus Bayern ist dagegen menschenleer. Der Saarländer Tobias Hans wiederum zeigt als Symbol demokratischer Macht den Schwur. Es ist eine auch für ihn persönlich bedeutende Momentaufnahme, die die Vereidigung zum Ministerpräsidenten vor einem Jahr zeigt. Er hat rund 11.000 Abonnenten, die diesen Eindruck immer wieder aufs Neue mitnehmen sollen.

In sozialen Situationen, aber auf unterschiedliche Art und Weise bilden sich die Ministerpräsidenten von Hamburg, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen ab. Armin Laschet und Volker Bouffier (beide CDU) nutzen bewegte Bilder und gewinnen, wie ihr Parteikollege Michael Kretschmer über die Slideshow, durch die Bewegtheit sofort die Aufmerksamkeit der Besucher. Doch während Kretschmers Bilderfolge stumm bleibt, untermalen Laschet und Bouffier ihre Videos mit leicht euphorisierender Musik, die Aufbruch signalisiert. Inhaltlich sind die Darstellungen von Kretschmer und Laschet sehr ähnlich – verschiedene Lebenssituationen, die einen volksnahen Landesvater zeigen, wobei Laschets Visitenkarte auch, aber nicht ganz so männlich wie die von Kretschmer daherkommt. Die ersten beiden Szenen des Laschet-Films zeigen Frauen, danach sehen die fast 25.000 Abonnenten fast nur noch Männer. Bouffier überrascht etwa 26.000 Abonnenten mit einem Werbefilm der Landtagswahl 2018 und wirkt damit – ähnlich wie sein Ministerpräsidentenkollege aus dem Saarland mit dem Vereidigungsfoto – etwas festgenagelt auf einem historischen Punkt. Die Ministerpräsidentenwerdung aus der Vergangenheit steht hier über der gegenwärtigen Amtsausübung.

Gespräche mit jungen Menschen sind Baden-Württembergs Winfried Kretschmann (Grüne), Hamburgs Peter Tschentscher (SPD) und Niedersachsen Stephan Weil (SPD) offenbar wichtig. Während Kretschmann (34.500 Abonnenten) und Weil (10.500 Abonnenten) im Titelfoto nach alter Politikertradition dominieren, nimmt sich Tschentscher – vergleichbar mit seiner norddeutschen Amtskollegin Schwesig, die in einer leichten Unschärfe zu sehen ist - zurück. Er nimmt im Hintergrund des Bildes eine Zuhörerrolle ein, während die Jugendlichen im Vordergrund diskutieren. Damit verkörpern Tschentscher und Schwesig einen der Zeit eher angemessenen Politikertyp. Mit weniger als 1700 Abonnenten bildet Tschentscher allerdings das Reichweiten-Schlusslicht. 

Am auffälligsten – neben dem leeren Bilderrahmen aus Sachsen-Anhalt – aber ist Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Nicht wegen des Motivs, das nicht sonderlich originell ist: sitzend, in einer Gesprächssituation mit einem Mann mittleren Alters, der aber nur von hinten zu sehen ist. Auch die Pflanze im Hintergrund stört mehr als dass sie dem Foto zu größerer Ästhetik verhilft. Dennoch fällt das Foto auf: Es ist schwarz-weiß. Günther hat übrigens noch ein persönliches Profil, das aber mit fast 5000 Freunden an seine Grenzen stößt und bald in eine Facebook-Seite umgewandelt werden dürfte.

Bleibt noch die Frage, an welchem Foto Betrachter vermutlich am ehestens vorbeiziehen, ohne es wirklich zu bemerken. Es dürfte das klassische Porträtfoto sein, frontal aufgenommen. Damit schmückt sich der Berliner Michael Müller (12.000 Abonnenten).

  

Twitterkönig

Eine kleine Statistik über die Twitter-Aktivitäten der wichtigsten Landtagspolitiker/innen in Thüringen im März (Stand 14.03.2019). Es ist eine Momentaufnahme, mehr nicht. Was sie zumindest zeigt, dass der Kanal rege genutzt wird. Wozu auch immer es gut sein mag. Die meisten eigenen Tweets setzte Mike Mohring ab, den stärksten Thüringenbezug bei eigenen Tweets hat Dirk Adams. Das stärkste Thema bei eigenen Tweets: Fasching (3), gefolgt vom internationalen Frauentag (2). Das Frauentagsthema wird allerdings sehr unterschiedlich interpretiert. Während Susanne Hennig-Wellsow (Linke) zu einer Kundgebung aufruft, verspricht Björn Höcke ritterlichen Schutz vor Übergriffen. Den mit Abstand größten Zuspruch erntet Björn Höcke mit dem Aufruf, die Amadeu Antonio Stiftung nicht mehr zu unterstützten (1500 Mal "gefällt mir"). 

Bei der Summe von eigenen Tweets und Retweets liegt Mike Mohring sehr weit vorne: Er drückte im März schon 70 mal auf den Button und kommt damit auf 5 Veröffentlichungen pro Tag. Die Zweitplatzierte Suanne Hennig-Wellsow kommt mit insgesamt 17 Veröffentlichungen auf etwas mehr als 1 Veröffentlichung pro Tag.

Allerdings ist Mohring damit immer noch relativ weit entfernt vom eigentlichen Twitterkönig innerhalb der politischen Klasse Thüringens: Ministerpräsident Bodo Ramelow erreichte die 70 bereits am 5. März. Fasching inklusive.

15.03.19















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