Website des Journalisten Johannes M. Fischer
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Gedanken zur Zukunft des Journalismus

Geschichten aus dem Osten. Auch wenn Ostdeutschland und seine östlichen Nachbarländer gerne in einer riesigen Klischeewolke versinken - das Ende des Ossis, wie er 2012 in einem Artikel eines Wochenmagazins proklamiert wurde, ist ebensowenig gekommen wie Fukuyamas Ende der Geschichte. Geschichte endet nicht, solange Menschen daran schreiben. Auch nicht die des Ostens.


 

Der Blick vom Balkon - 30 Jahre nach dem Mauerfall 

  • Screenshot Facebook: C. Bürger mit B. Ramelow
    Screenshot Facebook: C. Bürger mit B. Ramelow
  • Im Café Michaelis in Chmnitz: Chris erzählt seine Geschichte.
    Im Café Michaelis in Chmnitz: Chris erzählt seine Geschichte.
  • Balkonfoto mit Anna.
    Balkonfoto mit Anna.


Zum Blick vom Balkon ließe sich eine ganze Kulturgeschichte schreiben. Es ist ein Ort für Ruhmreiche und Verkünder. Es gibt Fußballfans, die sich rühmen, alle wichtigen Fußballstadien der Welt bereist zu haben. Wäre es nicht eine ebenso heroische Tat, alle berühmten Balkone zu bereisen?

Immerhin einen habe ich im vergangenen Jahr geschafft. Ich war mit der polnischen Journalisten Anna Zamejc in Prag unterwegs. Der berühmte Balkon befindet sich in der deutschen Botschaft, wo ich Christian Bürger über den Weg hätte laufen können. Weil wir uns dort verpassten, haben wir uns jetzt in Chemnitz getroffen. Er hat eine Geschichte, die mit diesem Balkon verbunden ist, und die sich heute, rund 30 Jahre nach dem Mauerfall, noch immer spannend und aktuell anhört. Ich werde sie bei Gelegenheit aufarbeiten. Aber hier schon mal in aller Kürze:

Die Geschichte beginnt wie viele andere traurige Dissidenten-Geschichten auch: Wir befinden uns in den 80er Jahren. Mit zwei Freunden schmiedet Bürger einen Fluchtplan. Doch einer der beiden ist gar kein echter Freund, sondern ein IM: Er verrät den Plan. Bürger landet im Gefängnis. Dass er verraten worden war, wusste Bürger sofort. Von wem, erfuhr er erst nach der Wende aus den Stasi-Akten.

Ein halbes Jahr verbrachte er in Untersuchungshaft auf dem Chemnitzer Kaßberg, wo die Stasi ihr größtes Gefängnis unterhielt. Für die Gefangenen gab es weder Licht noch Lektüre, wie sich eine andere Gefangene, Sabine Popp, in einem Video des mdr erinnert. Sie sprühte als 17-Jährige Graffiti auf Häuserwände und bekam dafür fünf Jahre, von denen sie drei verbüßte – bevor sie dann von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Die Sicht aus den Fenstern war mit Glasbausteinen versperrt, „so dass man eigentlich nur hell oder dunkel erkennen konnte“. Sie hatte „kein Buch und keine Zeitung“, musste sich aber irgendwie beschäftigen. Ihre Lösung: „Ich hab‘ immer bis 7000 gezählt.“

Bürger landete allerdings nicht wie Sabine Popp in einem der Busse, die im Handel „Mensch gegen Geld“ in die Bundesrepublik rollten. Er wurde nach Cottbus verlegt, wo er weitere zwei Jahre und zwei Monate einsaß. Im Rahmen der großen Amnestie 1987 kam er dann frei. Doch die Freiheit entpuppte sich als „Gefängnis im Großen“. Er musste seinen Ausweis abgeben und bekam dafür einen so genannten PM 12 – einen Passersatz, der mit harten Auflagen verbunden war. Er bekam eine Arbeit zugewiesen. Mit einer Schubkarre lief er durch eine Fabrik und sammelte Metallspäne auf. Niemand traute sich, mit ihm zu sprechen. „Ich war komplett isoliert.“ Der Mensch Bürger existierte anderthalb Jahre lang nur noch in einer extremen Wendung nach innen.

Seine Flucht in den Westen gelang ihm dann kurz vor der Maueröffnung – über den Umweg Prag. Er war einer von mehr als 5000 Botschaftsflüchtlingen und nahm eine wichtige Rolle ein bei der Organisation des Alltags.

Am 30. September 1989 war der Balkontag. Ein Artikel der Bundeszentrale für Politische Bildung beschreibt die Situation: „Regenfälle haben den Garten der Vertretung in eine Schlammwüste verwandelt. Im Dreck stehen Bundeswehr-Stockbetten und Zelte. Die Stimmung ist depressiv, fast wie nach einer Katastrophe. Als es dunkel wird, entsteht plötzlich Unruhe. Das Gerücht geht um, jemand Wichtiges sei gekommen.“

Es ist der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Er tritt auf den Balkon der Botschaft, zu seinen Füßen die Botschaftsflüchtlinge. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ Mehr ist auf den öffentlichen Tondokumenten nicht mehr zu hören, weil der Rest des Satzes in einem lauten Jubel untergeht. Erlöst liegen sich die Menschen in den Armen. Der Halbsatz wird zu einem der historischen und vielzitiertesten Sätze der Wendezeit, vergleichbar mit Günter Schwabowskis Maueröffnungs-Aussage, nur wenige Tage nach dem Genscher-Satz: „Das trifft nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich“. 

29 Jahre später – das Land Thüringen präsentiert den Tag der Deutschen Einheit in der Prager Botschaft – steht er dort, wo einst Genscher stand, zusammen mit dem Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow, einem der Gastgeber des Fests. Ein paar Stunden später machen Anna und ich unser Balkon-Selfie. Es wird vermutlich mein einziges bleiben in der Rubrik "Berühmte Balkone".

05. Januar 2018

  

... bis es zu Ende ist.  Johanngeorgenstadt liegt im Dauersterben. Hinter monumentalen Erzgebirgsdenkmälern verbirgt sich eine große Verlorenheit


Johanngeorgenstadt im Erzgebirge ist eine sterbende Stadt. So lautete ihr trauriges Schicksal bereits in den frühen 1990er Jahren. Die Medien berichteten viel darüber. Mit demographischen Problemen hatten viele kleine Städte und Dörfer zu tun. Aber dieser Ort traf es besonders hart: Gelegen an einem hinteren Ostzipfel des Landes und vom Bergbau zerwühlt.

Fast 30 Jahre später. Wie sieht Johanngeorgenstadt heute aus? Ist die Stadt tatsächlich gestorben? Oder hat sie sich erholt?

Es ist ein sonniger Novembertag. Die wüsten Halden sind verschwunden, viele Häuser haben einen neuen Anstrich bekommen und sind nicht mehr so grau. Manche warten gleich mit einer extra grellen Farbe aus – wie ein Ausrufezeichen leuchten sie durch die Straße.

Es ist Feiertag, und man könnte annehmen, das Zentrum in der so genannten Mittelstadt sei deshalb so leer, weil die Geschäfte zu haben. Es gibt aber fast gar keine Geschäfte. Herumstehende Häuser beherbergen einen Lebensmittelmarkt, einen Frisör, ein Café, eine Apotheke. Etwas Bewegung ist im Gebäude der Sparkasse. Dort steht ein Geldautomat.

Hinter dem Sparkassengebäude kommt lange Zeit nichts. Oder vielmehr ein riesige gräserne Fläche. Am Horizont dieses Areals ein langgezogener, zweistöckiger Bau, der seine besten Tage hinter sich hat. Einst eine Kaserne, ist es heute das Rathaus. Überall bröckelt der Putz. Zehn, zwanzig Schritte weiter entfernt stehen die Briefkästen, das Blech angerostet. Einige Kästen haben ausgedient. Sie wurden nicht abgenommen, sondern zugeschraubt. Wer weiß, vielleicht wird man sie noch mal brauchen. Wenn, dann werden sie zwei Löcher in der Klappe haben. Ein Kasten hängt dort für die Sorgen der Bürger. Er ist leer. Eine sorgenfreie Stadt?

Johanngeorgenstadt hatte zur Zeit des Wismut-Bergbaus in den 1950er Jahren 40.000 Einwohner. Zur Wende waren es nur noch 9000, inzwischen ist der Ort auf 4000 Einwohner geschrumpft. Viele Häuser wurden abgerissen, viele stehen leer. Irgendwo zwischen den Häuserhüllen hat sich die Stadt versteckt, die Stadt der weiten Wege.

Es ist eine auseinander gerissene Stadt. Von der Neu- in die Altstadt sind es fünf Kilometer, die sich ziehen, weil der Ort nicht durchgängig bebaut ist. Dazwischen liegt die Mittelstadt, die sinnigerweise nicht Zentrum heißt, weil Johanngeorgenstadt nicht wirklich ein solches hat. Viele Häuser stehen vereinzelt oder in kleinen Gruppen zusammen, irgendwie verloren, wie Außenseiter auf dem Schulhof, die der Lehrer aufgegeben hat. Dazwischen unzählige Brachen, offen wie gähnende Münder, die das kleinstädtische soziale Leben schon im Ansatz mit ihrer ansteckenden Müdigkeit zerstören.

Ein wenig hat sich das Stadtbild dann aber im Verlauf der Jahre doch verändert. Der marode Charme des Rathauses in der Mittelstadt wird konterkariert durch eine riesige Weihnachtspyramide, die sich zweihundert Meter weiter im Gelände verlieren würde, wäre sie nicht so hoch: 26 Meter. Spendiert von einem ortsansässigen Unternehmer Siegfried Ott, der Sportauspuffanlagen baut. Auf der Pyramide stehen nicht, wie üblich, Engel und biblische Gestalten, sondern Persönlichkeiten, die sich um die Stadt verdient gemacht haben. Der Namensgeber der Stadt zum Beispiel, Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen. Oder der Spender. Er hält einen hölzernen Auspuff in der Hand. Ein ironisches Augenzwinkern mit der Gegenwart. Als Mäzen und größter Arbeitgeber gehört er zu jenen, die die sterbende Stadt am Lebenstropf halten. Für die Größe des Denkmals hat er eine Erklärungen: „Keiner beachtet uns. Es ist ein Herausstellungsmerkmal, damit man sieht, dass es uns gibt.“

Passenderweise bekam das Monument den Namen „Riesenpyramide“, und nach Angaben der Stadt „sucht dieser Riese aus Beton und Edelstahl weltweit nach Konkurrenz“. Hundert Meter weiter steht ein weiteres Erzgebirgssymbol im Gelände, und auch hier ging es offenkundig keine Nummer kleiner: Der „größte frei stehende Schwibbogen der Welt“, gleichfalls „spendiert“ von Siegfried Ott, ist 25 Meter breit und mehr als 700 Tonnen schwer.

Im Hintergrund ein einstöckiges Gebäude mit gläsernem Dachaufsatz, das nicht weiter auffallen würde, wäre es nicht grellgelb gestrichen. Hier residiert die Landeskirchliche Gemeinschaft. Das Wort Hoffnung steht in großen Lettern über der Tür.

Hoffnung und überdimensionierte Wahrzeichen, wo man geht, wo man steht: Die Stadt der Hoffnungslosen schreit laut in die Welt, dass sie immer noch lebt.

Ein paar Steinwürfe entfernt, im Schatten der Riesenpyramide, steht ein Lutherdenkmal. Hier finden sich weitere Durchhalteparolen: „Anstrengungen machen gesund und stark.“ „Gott ist dann am allernächsten, wenn er am weitesten entfernt scheint.“

In Johanngeorgenstadt muss Gott besonders nah sein.

Neben den Monumenten des Trotzes, nach der Wende entstanden, schleppt die kleine Stadt weitere Denkmäler mit sich herum, die ihr die Geschichte aufgehalst hat. Von vergangener Größe zeugt die ausrangierte Erzgebirgsschanze mitten im Wald, anderthalb Kilometer hinter dem Rathaus. Oder das herrschaftliche „Deutsche Haus“ unweit vom Bahnhof. Während der Wismut-Zeit nahm der sowjetische Geheimdienst das Haus in Beschlag. Jetzt zerfällt es. Eine andere Geschichte erzählt ein großes leeres Fabrikgebäude nahe der Stadtkirche. Während der Nazizeit wurden hier Menschen gequält. In der Außenstelle des KZ Flossenbürg produzierten Zwangsarbeiter Teile für die deutsche Luftwaffe. Man muss schon sehr genau hinschauen, um die kleine Tafel zu erkennen, die auf die traurige Geschichte des Gebäudes verweist.

Besser erging es der Stadtkirche der Ev.-Luth. Kirchgemeinde. Sie drohte einzuknicken, hing schief im Hang, weil die Erde unter ihr durchlöchert war. Sie wurde gesichert und saniert. Heute hält Pfarrer Christof Schumann einen Gottesdienst und verbreitet Hoffnung. Etwa 30 meist betagte Menschen haben sich eingefunden. Schumann trägt einen Psalm vor: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke… Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken…“ Dann ein Zitat von Tolstoi: „Falls du dem Gott nicht mehr glaubst, dem du früher glaubtest, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich bemühen, besser zu verstehen…“

Ein virtueller Dialog mit dem Luther-Denkmal in der Nähe des Rathauses: Du musst dich bemühen, Anstrengungen machen gesund und stark. Es liegt an dir. Irgendwann wird alles gut.

Und tatsächlich, unten im Talkessel von Johanngeorgenstadt, wo die Stadt nur noch im Übergang zum tschechischen Nachbarort Potůčky existiert, füllt sich der Ort der großen Leere plötzlich mit Leben. Hier wird das Geld ausgegeben, dass am Automaten beim Rathaus abgehoben worden ist. Potůčky sieht aus wie eine Goldgräberflecken. Irgendwie erscheint alles provisorisch, eng und wuselig, überhaupt nicht monumental, überhaupt nicht leer, überhaupt nicht still. An einem Feiertag wie diesem fallen die Menschen aus Zwickau, Annaberg und sogar aus Leipzig ein. In extragroßen Einkaufstüten und Kartons schleppen sie die Billigwaren – Textilien, Schnaps, Zigaretten, Opladen, im Dezember dann auch Silvesterböller – zu ihren Autos oder zum Bus. Im „Kiss Club“ können sich die Männer für wenig Geld auf Kosten der Frauen aus der Ukraine amüsieren, der „Friseur Hawai“ bieten einen preiswerten Haarschnitt an und im „Traum Restaurant“ bestellen die Besucher für ein paar Kronen zusammengepresstes Fleisch, das wahlweise Schnitzel, Steak oder Putenbrust heißt. Die Menschen, die hierhin pilgern, haben von Johanngeorgenstadt, der Nachbarstadt, nicht viel gesehen. Nur die Hauptstraße oder den Bahnhof.

Es wird dunkel, Potůčky leert sich und passt sich seiner deutschen Nachbarstadt an. Im „Bergmännl“, am anderen Ende von Johannstadt, in der „Neustadt“, brennt noch Licht. Auf der Karte stehen „Strammer Max XXL“, „Bockwurst mit Brötchen“ und „Bauernfrühstück“. Handwerker aus der Stadt kehren hier ein, immer wieder auch Fremde, weil das kleine Restaurant an einer Ausfallstraße liegt. An den Wänden hängen Früher-Später-Fotos. Wie Johanngeorgenstadt mal war, wie es heute ist. Es ist offenkundig, welche Zeit besser abschneidet. Auch heute haben sich einige Gäste eingefunden. Schweigend stochern sie auf ihren Tellern.

Aber einer spricht. Er macht sich keine Illusionen, was die Zukunft der Stadt betrifft. „Hier passiert nichts mehr“, sagt er. „Die jungen Leute gehen weg. Und wenn die Alten tot sind, ist es ganz vorbei.“ Ein Nachtleben gibt es nicht, meint er und bedauert das offenbar. „Die wollen alle in Ruhe schlafen, bis es zu Ende ist.“

Zur Stadtgeschichte

Johanngeorgenstadt ist geprägt vom Wismut-Bergbau. Das zunächst rein sowjetische, später deutsch-sowjetische Unternehmen suchte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und in den Anfängen des Kalten Krieges nach Uran, einem wichtigen Material für die Kernkraft und zum Bau der Atombombe. Damals lebten bis zu 40.000 Menschen in der Stadt – vornehmlich Bergarbeiter und ihre Familien. Das Wismutfieber zerwühlte den Ort – kaum ein Stein blieb auf den anderen liegen. Zahlreiche Häuser wurden in der Altstadt abgerissen, dafür neuer Wohnraum an anderen Stellen geschaffen.

Mit seiner Mitte verlor der Ort sein Gleichgewicht und wirkt bis heute zersiedelt und zerissen. „Gleichzeitig wurden private Unternehmer, die Klempter und Dachdecker, vertrieben; und Hausbesitzer verloren ihr Eigentum und wurden Mieter“, erklärt Bürgermeister Holger Hascheck. Dies wirke sich bis zum heutigen Tag negativ für die Stadt aus. In anderen Städten hätten sich nach der Wende ortsansässige Handwerker selbstständig gemacht und den Ort belebt. Nicht in Johanngeorgenstadt. Und auch das fehlende Wohneigentum habe Folgen: Wer kein eigenes Haus hat, zieht schneller weg, meint Hascheck. 

1959 war der Wismut-Spuk zumindest in Johanngeorgenstadt vorbei. Die Arbeiter gingen und nahmen ihre Familien mit. Was blieb, waren Halden, auf denen radioaktives Material lag, und viele, viele Zerstörungen. Die Nachfolgegesellschaft der Wismut, die nach der Wende gegründet wurde, hatte nur noch eine Aufgabe: Das Schlimmste, was sich über der Erde angesammelt hat, wegräumen. Die durchlöcherte Erde darunter verfüllen und fluten.

Doch das Leben brach nicht zusammen. Zahlreiche Ferienheime, Kasernen und verschiedene Fabriken garantierten eine Gnadenfrist, die erst 30 Jahre später mit der Wende abrupt endete. 1990 lebten immerhin noch 9000 Menschen in der Stadt.

Die Soldaten waren schon 1985 gegangen, jetzt machten auch die Betriebe und Ferienheime dicht. Noch mehr Menschen verließen den Ort. Heute sind es nur noch 4000 Einwohner.

Erschienen in Glaube und Heimat im November 2018


In schwierigen Verhältnissen. Wie Chemnitz nach dem Mauerfall zu der Stadt wurde, die sie heute zu sein scheint - und was sie mit Cottbus gemein hat.


Von West nach Ost. Aus Westberlin nach Sachsen. Das war 1991, wenige Monate nach der Wiedervereinigung. Ich wollte das andere Land kennen lernen, das für mich vermutlich genauso exotisch war wie dem DDR-Bürger der Westen. Zwei, drei Jahre lang. Tatsächlich blieb ich 19 Jahre in Chemnitz, anschließend zog ich in die Lausitz. In Ostdeutschland lebe ich bis heute.

„Chemnitz. Wirklich?“ Meine Freunde aus dem Studium waren verwirrt, als ich es ihnen erzählte. West-Berlin, dieses hektische, lebensgeile Rennpferd, eintauschen gegen einen lahmen und langweiligen Gaul aus dem Stall des bürokratischen Sozialismus? Chemnitz – wo liegt das überhaupt?

Ich habe Chemnitz etwas zu verdanken. Beruflich machte ich entscheidende Schritte. Ich fand Freunde. Ich wurde Vater. Meine Kinder sind Chemnitzer. Es tut mir unendlich leid, was gerade mit dieser Stadt passiert.

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen in Chemnitz und den folgenden, aufsehenerregenden September-Demonstrationen schien es so, als würde sich der Rauch ein wenig verziehen. Es passierten Dinge, bunte und feinsinnige Aktionen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die die hässlichen Momente überschreiben sollten. Das Konzert in der Innenstadt vor 65.000 Zuhörern, die auf ihre Weise gegen Fremdenfeindlichkeit demonstrierten. Es folgen bis heute weitere Aktionen.

Auch die schlechten Nachrichten hörten nicht auf. Verhaftungen. Rechtsextremistisches Terrornetz in Chemnitz… Erinnerungen an die NSU… Ein Nazinest – der Eindruck entstand vielerorts und nicht nur in Deutschland. Für das Ansehen der Stadt ein Desaster. In den Berichten darüber kommt Cottbus oft im gleichen Satz vor. Das liegt sogar nah. Nicht nur, weil beide Orte mit C anfangen. Denn eine rechtsextreme Szene gibt es auch in Cottbus und der Lausitz. Und Cottbus hatte in diesem Jahr auch seine eigenen dunklen Momente.

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Als ich 1991 kam, gab es noch kein Internet, aber auch die Kommunikation übers Telefon funktionierte nicht gut. Niemand wusste so recht, welche Rolle er zu spielen hatte, wie er sich zu verhalten hatte. Eine wilde Zeit: Alles war ausprobieren, alles abenteuerlich. Für viele Menschen war es aber auch furchtbar belastend und verunsichernd.

Dennoch: Die Chemnitzer erlebten, wie sich eine graue Maus mit allgegenwärtiger DDR-Architektur und einem gigantischen Karl-Marx-Kopf im Zentrum durch die extremen Wandlungen der Wendezeit kämpfte. Wie die Stadt mühevoll um eine neue Mitte rang und ihr herrliches Jugendstilviertel, den Kaßberg, herausputzte. Wie sie sich verlachen ließ als „Stadt der Moderne“ und es dennoch schaffte, sich einen Ruf als Kunst- und Kulturstadt zu erarbeiten.

Von außen betrachtet erschien Chemnitz zu Beginn der 90er Jahre wie ein graues schmutziges Blatt Papier. Aber es gab eine Menge aktiver Menschen, die den festgeklebten Staub abkratzten. Hervorschimmerte die gewichtige Vergangenheit einer bedeutenden Industriestadt. Die Umbenennung von Karl-Marx-Stadt in Chemnitz 1990 war nur die Eröffnung zu dieser Neubewertung.

Inzwischen ist Chemnitz wieder ein wichtiger Industriestandort in Ostdeutschland. Die Universität schneidet in nationalen Vergleichen regelmäßig gut ab. Eine engagierte Zivilgesellschaft hat sich herausgebildet, die Farbe auf das graue Stadtbild sprüht. Chemnitz wirkt wie eine Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, die ehrgeizig, zuweilen sogar verbissen darum kämpft, irgendwann einmal die Würstchen nicht mehr an der Bude holen zu müssen, sondern im eigenen Garten grillen zu dürfen. Die Sehnsucht nach Behaglichkeit, nach endlich-mal-zur-Ruhe-kommen, war über die vielen Jahren allgegenwärtig.

Als Neonazi-Stadt machte Chemnitz in den ersten beiden Jahrzehnten nach der Wende zumindest überregional kaum auf sich aufmerksam. Jedenfalls nicht mehr als andere Städte im Osten. Eher weniger. Wer genau hinschaute, konnte zwar im Schatten der großen Entwicklung auch die Herausbildung rechtsextremer Strukturen erkennen, aber das Thema war kein dominantes. Arbeitslosigkeit, Treuhand, Wohnungsbau, das schwierige Zurechtfinden – das waren die größeren Themen.

Rechtsextremismus, das ist eine vorübergehende Erscheinung, das war viele Jahre lang die allgemeine Einschätzung. Eine Jugendmode. Wenig ansehnlich, aber mit den Pubertätspickeln verschwinden auch die Spinnereien. Dachte man so.

Ich erinnere mich, wie ein Kollege in einflussreicher Position bei diesem Thema regelmäßig abwinkte: „Wir haben uns früher auf der Kirmes auch geprügelt.“ Eine Pubertät, die sich auswächst, und bei weitem nicht so dramatisch, wie es der eine oder andere Journalist hochschreiben mochte.

Aber in den frühen 90er Jahren konnte man ja auch noch nicht ins Jahr 2018 blicken...

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Ich selbst glaubte lange Zeit, Chemnitz, die eher trockene Ingenieurstadt, sei weitgehend immun gegen sowas. Gewiss, überall lagen Körnchen neonazistischen Wahnsinns, aber doch eher versprenkelt, in Schach gehalten von einer aufkeimenden Bürgerlichkeit, einer zukunftsgläubigen Bodenständigkeit. Gehaltserhöhungen, Reisen ins Ausland, größere Autos, das Eigenheim – die Träume des strampelnden Jugendlichen nahmen Formen an.

Aber es ging eben nicht allen gut und vor allem ging es nicht ständig immer allen gut – einen Riss hatte das Bild der sich ausbreitenden Normalität von Beginn an. Es waren die sozialen Verwerfungen, die über Jahre die Alltagsgespräche bestimmten, die damit einhergehende Angst vor der Zukunft, die Entwertung von Biographien, die Ungleichbehandlung bei Lohn und Renten, das fehlende Wissen darüber, wie diese Gesellschaft funktioniert, von Bankgeschäften über Versicherungen bis zum Autokauf. Einige kamen damit zurecht, andere weniger.

Während sich also Chemnitz zu einer beachtenswerten Kunst- und Kulturstadt mit solider Wirtschaftskraft entwickelte, blieben Teile der städtischen Gesellschaft in den 90er Jahren hängen. Mit Internetanschluss und Smartphone, ja. Auch mit einem gemäßigten Wohlstand. Aber die alte Wunde wollte nicht verheilen. Es war anstrengend, sich eine neue Übersichtlichkeit zu schaffen, die heute, so der Glaube, gefährdet erscheint. Nicht noch einmal Aufbruch! Nicht schon wieder um das Bestehende kämpfen müssen! Nicht schon wieder eine andere Zeit, eine andere Welt…

Wenn die Verstörten – oft mit ihren erwachsen gewordenen Kindern – jetzt demonstrieren gehen, laufen sie sich die Verunsicherung aus den Beinen, aber sie bestätigen sie sich gleichzeitig und gegenseitig und geben ihr somit weitere Nahrung. Die Neonazis, teilweise ebenfalls älter geworden und mit der Nachfolgegeneration auf der Straße, befinden sich dabei nicht mehr am Rand der Gesellschaft, auch an der Seite des Protests wie zu Beginn der Pegida-Märsche, sondern mittendrin. Das nimmt die Gemeinschaft der Lebensbestraften mittlerweile in Kauf. Die Grenzen zerfließen.

Für mich persönlich ist es traurig, dass ausgerechnet Chemnitz dies so deutlich offenbart. Es hätte fast jede Stadt im Osten treffen können, wo der Ausländerhass zum Ventil für den Seelendruck wird, denke ich. Es ist Anfang September, mitten im Chemnitzer Aufruhr, und ganz Deutschalnd spricht über die Schrecken, den der offen zur Schau getragenen Hass auf Fremde und Flüchtlinge hervorgerufen hat. Gesprochen wird aber auch darüber, dass die „besorgten Bürger“, die den Untergang von Recht und Ordnung fürchten, endlich ihre Stimme erheben würden.

Ja, es hätte nicht Chemnitz sein müssen, aber nun spielt das Drama nun einmal dort. Und eigentlich spielt es auch keine Rolle, wie die Stadt heißt, wo es passiert, denn es geht ja nicht wirklich um Chemnitz, sondern um die Art, wie die Gesellschaft künftig noch im Dialog bleiben will. Während ich an jenem heißen Wochenende Anfang September durch die befremdliche Szenerie aus Demonstrationen, Gegendemonstrationen, Wasserwerfer, Pferdestaffeln, Provokateure, Gaffer, Jagende und Flüchtende laufe, tauchen Erinnerungen auf. Episoden aus der Vergangenheit erscheinen plötzlich in einem neuen Licht.

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Da war zum Beispiel das konspirativen Treffen mit einem vermeintlichen Aussteiger aus dem engen Umfeld des 1991 verstorbenen Neonazi Michael Kühnen. Der Mann war in meinem Alter, irgendwo in den Dreißigern, hatte sich nach der Wende in Chemnitz angesiedelt. Wir trafen uns in einem unscheinbaren Café, gelegen an einer Ausfallstraße. Er erläuterte, was alles passieren würde nach der Machtübernahme. Auch in den eigenen Reihen müsse man kräftig „durchkämmen“. Aber noch seien die undisziplinierten Schläger auf der Straße nützliches Werkzeug. Journalistisch gesehen ein interessanter Fall, der aber keine Verallgemeinerung zulässt. Dachte ich.

Was ich damals nicht wusste: Er war nicht der einzige Hardcore-Nazi in Chemnitz. Sehr viel später erst kam raus, dass die NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe an verschiedenen Stellen der Stadt Unterschlupf gefunden hatten und Banken ausraubten. Aber wer bekam das schon mit? Angeblich nicht einmal der Verfassungsschutz. Und nun taucht plötzlich die „Revolution Chemnitz“ wie aus dem Nichts auf.

Es gibt noch eine Reihe anderer Einzelgeschichten, die aus heutiger Sicht eine Entwicklung ankündigten, aber damals sowohl von der Politik, aber auch von den Medien doch eher als Abweichung von der Normalität bewertet wurden. Kaum einer ahnte in den 90ern und auch noch nicht in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, dass sich der Begriff des Normalen verschieben würde.

So war auch der fast 90 Jahre alte Mann aus der Nachbarschaft für mich eher ein interessantes Relikt aus der Vergangenheit, interessant, weil er fünf verschiedene Staatsformen durchlebt hatte: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Staat, DDR und nun Bundesrepublik. Ein Kuriosum, ein Glücksfall für meine Neugierde. Dass er DDR und Hitlerzeit gleichermaßen weitaus positiver bewertete als die wenigen Jahre, die er in der Nachwendezeit lebte, fand ich überraschend, weil er ein eigenes Haus hatte, nette Nachbarn und eine Familie, die sich um ihn kümmerte. Medizinisch wurde er bestens versorgt. Trotz seines hohen Alters unternahm er sogar Reisen, die ihm zumindest in der DDR-Zeit so nicht vergönnt waren. Schlecht ging es ihm nicht, allein das Alter, wiewohl ziemlich rüstig, machte ihm etwas zu schaffen.

***

Heute würde ich sagen: Dieser einfache, alte Mann war ein Typ aus der Zukunft. Als ich mich am Wochenende unter die Rechtsgerichteten mischte, war ich umgeben von Menschen, denen es persönlich nicht ganz schlecht und mitunter sogar richtig gut geht, und die dennoch glauben, dass es insgesamt unaufhaltsam schlechter wird. Und die deshalb nichts sehnlicher wünschen als die konsequente Herstellung von Recht und Ordnung, was nur ein Synonym ist für den starken Staat, für Sicherheit, für Pfade, die nicht schon wieder in unbekannte Richtungen führen. Die Welt soll sich immer schön im Kreis drehen, und die Dinge dort stehen bleiben, wo sie gestern und vorgestern auch schon standen.

Tatsächliche gibt es gar keine Kreise, allerhöchstens Spiralen, so dass man nach einer Umdrehung einer tieferen Vergangenheit näher zu sein scheint als der soeben entschwundenen Gegenwart. Jedenfalls kam es mir so vor, als ich vor wenigen Tagen auf die Schauspielerin Magda Decker traf, mit der ich vor Jahren in Potsdam beruflich zu tun hatte. Damals spielte sie an einem Potsdamer Theater in einem Stück, das sich mit Rechtsextremismus auseinandersetzte. Nun wieder – nur in Chemnitz. In den „Sieben Geistern“ spielt sie eine junge, wütend-frustrierte Frau, die merkt, das was nicht stimmt mit ihrer Familie. Was nicht stimmt, ist das generationenübergreifende kollektive Verdrängen und Verschweigen. Das Unheil, das ihren Eltern und Großeltern während der NS-Zeit und der DDR widerfuhr und die Mittäterschaft, unter der sie leiden, lebt irgendwie fort und vererbt sich über die Träume.

In den heißen Tagen Anfang September war Magda Decker wie viele andere auch auf der Straße. Wie viele andere auch wurde sie überrascht von den rechtsradikalen Wucht. „Das tat weh. Es bedrückt mich. Es ist traurig.“ Aber Chemnitz ist deswegen nicht für sie untergegangen. Sie wird weiterhin eine von denen sein, die Farbe versprühen. Deshalb schaut sie auf die Uhr. Am nächsten Tagen stehen Proben an. „Ich muss noch an meinem Text arbeiten.“

Das Theater geht weiter. Das Leben auch. Chemnitz kommt zurück. Doch die Tage, an dem Hass und Angst sich so Bahn brachen, ist nun ein Teil der Stadtgeschichte. Und wie es scheint, folgen weitere dunkle Kapitel. Chemnitz hat eine offene Wunde. Chemnitz, die kämpfende Jugendliche, wird nicht in der erträumten Behaglichkeit ankommen. Aber das ist wohl auch nicht ihr Platz. Sie ist eine Kämpferin. Wie Cottbus.

Eine gekürzte Fassung ist erschienen in der Lausitzer Rundschau im November 2018

 

Die großen Männer mit den langen Bärten. Über Heldenverehrung in Polen - und eine ironische Antwort aus der Ukraine.


Wie sollte es anders sein auf einem Königsweg? Für den deutschen Beobachter ist die Warschauer Allee der Sehenswürdigkeiten ein Schaulaufen versteinerter Männer aus der Vergangenheit: Nationaldichter, Würdenträger aus der Kirche und – weit oben im Rang – Märtyrer aus der Politik. Frauen scheinen für solche Positionen offenkundig weniger geeignet zu sein.

Wobei Schaulaufen vielleicht nicht ganz der richtige Begriff ist, auch wenn die Denkmäler aufgrund ihrer Vielzahl den Eindruck verschaffen, als seien sie in Bewegung. Es ist das Hase-Igel-Prinzip: Kaum hat man einen hinter sich gelassen, steht der nächste schon wieder vor einem. Und wie die beiden Igel gleichen sich Priester, Poeten und Politiker bei all ihrer Verschiedenheit doch erheblich. Die graue Farbe, die wahnsinnige Größe, die Abgehobenheit auf dem Sockel, die erhabene Geste. Unbeirrbar, kompromisslos, mit dem Anspruch auf Ewigkeit. Fest auf dem Boden menschlicher Macht- und Unterwerfungsphantasien. 

Unbestrittene Nummer Eins unter den versteinerten Märtyrern ist im katholischen Warschau natürlich Jesus, der in tausendfacher Ausführung vornehmlich in Kirchen seine stille Macht ausübt. Deutlich sichtbarer auf der Straße aber ist ein Märtyrer aus der Neuzeit: Lech Kaczyński, zu Tode gekommen beim Flugzeugabsturz in Smolensk im Jahre 2010. Der Beginn einer neuen Zeitrechnung in Polen…

Der tote Kaczyński ist als Denkmal bereits nach wenigen Jahren fast schon so was wie ein Evergreen unter den Denkmälern. Mal mehr, mal weniger opulent feiert der frühere Präsident eine Art Auferstehung. Da ist es schon außergewöhnlich, wie zurückhaltend er auf asketischen Smolensk-Gedenktafeln präsentiert wird, gleich vor dem Präsidentenpalast. Manchmal hängen dort auch ein paar Kreuze aus Birkenholz windschief in einer schweren Absperrkette aus Eisen. Aber selbst diese Einfachheit hat etwas aufdringliches, weil sie den monumentalen Schlossbau und ein älteres Riesendenkmal – ein Kriegerfürst auf einem Pferd mit gezogenem Schwert – verschwimmen lässt. Es ist wie mit der Hintergrundunschärfe auf einem Foto: Das Detail im Vordergrund sticht ins Auge, der Hintergrund untermalt das Detail nur noch in schweren Tönen.

Warschau 2018 ist natürlich viel mehr als die Ansammlung von Denkmälern, es ist modern und quirlig. Dennoch fallen die Monumente wieder mächtiger ins Gewicht, seitdem die konservativ-klerikale Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) verstärkt das Geschäft der Helden- und Legendenbildung betreibt. Vorneweg Parteichef Jarosław Kaczyński, der Zwillingsbruder von Lech.

Für die Sozialanthropologin Annamaria Orla-Bukowska, die an der Jagiellonen-Universität in Krakau forscht und lehrt, hat das machtpolitische Gründe.

Aufgebaut wurde die PiS 2001 von den Zwillingsbrüdern Kaczyński. Das herausragende Merkmal war anfangs ihr Eintreten für eine konsequente Kriminalitätsbekämpfung – also eine klassische Law and Order-Partei, die zudem ein traditionelles Familienbild förderte, wo Schwangerschaftsabbrüche oder Homosexualität keinen Platz finden. Nur vier Jahre nach ihrer Gründung wurde sie stärkste Partei im Parlament und bildete für zwei Jahre lang die Regierung. Bei den Wahlen 2007 verlor sie aber wieder ihre Führungsrolle – und die Regierungsmacht.

Der Machtverlust verführe Politiker manchmal dazu, auf einen heroischen Nationalismus zu bauen, um diese Macht wiederzuerlangen und dann auch zu behalten, meint Orla-Bukowska. Beispiele seien der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und eben PiS-Parteichef Jarosław  Kaczyński. „Manche Wähler mögen es, zu hören, sie seien Helden. Wenn das nämlich stimmt, können sie sich stolz fühlen und nicht schuldig oder beschämt.“ Das funktioniere besonders gut im Osteuropa des 21. Jahrhunderts, wo es im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust und der kommunistischen Vergangenheit so viele Schuld- und Scham-Diskussionen gegeben habe.

Und so wird die alte Legende von der Rechtschaffenheit eines Landes und seines Volkes aufgeführt. Wenn dies tatsächlich die Strategie gewesen sein sollte, ging sie auf: 2015 kam die PiS mit viel Furore wieder an die Macht.

Eine bedeutende Rolle bei der Neujustierung des Geschichtsbildes spielt das Märtyrer-Dasein, wo sich Opferrolle und Heldentum verbinden: Polen, so die Darstellung, musste sich in seiner Geschichte immer wieder wehren, gegen Kommunismus, gegen Faschismus, gegen die Sowjets, gegen Russland, gegen Deutschland. Es war immer wieder Opfer, aber es hat sich niemals unterkriegen lassen, so die idealisierte Erzählweise. Das neue Gesicht dazu liefert der neue Held Lech Kaczyński: Bis zum heutigen Tag zweifeln Verschwörungstheoretiker und Bruder Jarosław die Unfallthese an – sie glauben an ein Attentat, gesteuert aus Russland. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden.

Dass Polen in seiner Geschichte viel Leid und Ungemach erfuhr, ist unbestitten. Aber spätestens im Jahr 2001 bekam das Bild der vollkommenen Unschuld Risse, als Jan T. Gross das Buch „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“ veröffentlichte. Es sorgte für viel Erregung und Diskussion, weil es das Massaker an Juden im Jahr 1941 durch polnische Bewohner der Stadt Jedwabne aufhellte.

„Polen waren nicht nur Opfer“, stellt Orla-Bukowska fest. Und selbst in Fällen, wo sie Zeugen waren, sei doch festzuhalten: „Zeugen können hilflos sein, manchmal sind sie aber auch mitleidslos.“

Solche Gedanken trüben das Bild vom zeitlos-heldenhaften Dasein. Wo doch der Umgang mit Helden – insbesondere mit versteinerten – ohnehin schon schwer genug ist. Für die, die sie erschaffen, weil sie das Gedenken an die großen Taten ständig wach halten müssen. Für die, die sich von der Heldenverehrung abgestoßen fühlen, weil sie ihre Übermacht entweder lächerlich oder gar bedrohlich empfinden. Und auch für die, die die Idealisierungen als eine Beleidigung ihres Intellekts empfinden.

Allerdings gibt es durchaus auch eine ironische Art, die Anwesenheit der Helden zu billigen, ohne sie zu huldigen.

Die kanadische Soziologin und Journalistin Barbara Thériault, die sich intensiv mit Erinnerungskultur in Ostdeutschland beschäftigt, war in diesem Jahr für mehrere Monate Stadtschreiberin im ukrainischen Lwiw (Lemberg). Sie hat sowohl Polen als auch die Ukraine bereist. Eine Vorliebe für „große Männer mit langen Bärten“ erkennt sie in beiden Ländern. In ihrem öffentlichen Tagebuch macht sie ein Experiment: Was wäre, wenn die Statuen anfangen würden, zu sprechen? Sie beschreibt den „versteinerten Präsidenten“ Mychajlo Hruschewskyj, wie er milde auf „seine“ braven Dienstleute herabblickt, die in aller Frühe die Straße kehren. Dass er als riesiges Monument nur in den Köpfen der Menschen lebt, ist dem vor vielen Jahrzehnten verstorbenen Präsidenten nicht bewusst. „Manche behaupten, ich sei etwas steif geworden, aber man bewegt sich im Alter bekanntlich weniger.“ 

Erschienen in der Lausitzer Rundschau und der Märkischen Oderzeitung im Oktober 2018


Bürgerfremdes Wortungetüm











Beim Haushalt geht es um SEHR VIEL GELD. Merkwürdigerweise wird sehr wenig darüber öffentlich berichtet und debattiert. Vermutlich, weil der Haushalt schwer zu durchdringen ist – selbst die Mitteilungen auf dem „offiziellen Stadtportal“ helfen nicht wirklich weiter.

Ich habe mir mal den Spaß gemacht, eine öffentliche Mitteilung der Stadt zum Haushalt 2017/2018 auseinanderzunehmen. Vorweggenommen: Es ist ein BÜRGERFREMDES SPRACHUNGETÜM!

[Einfügung 06.01.19] Nachdem ich die Mini-Analyse auf Facebook gepostet hatte, gab es etliche Reaktionen. Interessant sind vor allem die Rechtfertigungen. Beispielgebend sei diese herausgegriffen:

Es ist "Verwaltungssprache aber diese ist eben genau und soll Missverständnisse vorbeugen und Sachverhalte genau beschreiben." 

Zum Text:

Wie die vielen Millionen Euro eingenommen und wieder ausgegeben werden, regelt die Haushaltssatzung, die dann auch im ersten Satz der Mitteilung erwähnt wird. „Die Haushaltssatzung 2017/2018 wurde am 10.05.2017 vom Stadtrat mit Drucksache 0361/17 beschlossen.“ Hier werden die meisten Leser gleich mit zwei dicken Unbekannten konfrontiert: „Haushaltssatzung“ und „Drucksache“ 0367/17. Beide Begriffen werden nicht näher erläutert. Und viele weitere Begriffe auch nicht.

Die Mitteilung, die ja sicherlich für den Bürger von Erfurt gedacht ist, enthält insgesamt 111 Wörter, was grundsätzlich erfreulich ist: In der Kürze liegt die Würze. (Zum Vergleich: Das Thüringenlied hat 90 Wörter). Dennoch enthält die extrem formalisierte Mitteilung 37 bürokratische Worteinheiten wie „Haushaltssatzung“ und „Drucksache“ (unter „Worteinheit“ verstehe ich ein Wort oder eine Zahl, hinter denen ein Leerzeichen folgt). Damit legen die Autoren der Mitteilung die Hürde sehr hoch: Ein Text, in dem etwa jedes dritte Wort einen bürokratischen Unterton hat, schreckt ab. 16 Worteinheiten sind aus Zahlen bestehende Zeitangaben (Datum wie z.B. der 10.05.2017). Außerdem gibt es noch 7 Ortsangaben wie „Erfurt“ und „Thüringen“.

Also mehr als die Hälfte des Textes besteht aus bürokratischen Worteinheiten, Orts- und Zeitangaben. Das dürfte von der Mischung her schon einem juristischen Fachtext sehr nahe kommen.

18 Artikel und 24 Präpositionen sorgen dafür, dass aus den Begriffen ein Text entsteht. Sie sind sozusagen der Kitt des Satzbaus, transportieren aber keinen eigenen Sinn. 

37 befremdliche Wörter, 16 Daten, 7 Ortsangaben, 18 Artikel und 24 Präpositionen – macht gleich 102 Wörter.

Bleiben 9 Wörter „sonstiges“. Diese aneinandergereiht würden folgenden Text ergeben: „wurde Stadtrat beschlossen…wurde Stadtrat beschlossen…wurde Stadtrat beschlossen“.

02. November 2018



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