Website des Journalisten Johannes M. Fischer
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Literarischer Journalismus

Geschichten aus dem Osten. Auch wenn Ostdeutschland und seine östlichen Nachbarländer gerne in einer riesigen Klischeewolke versinken - das Ende des Ossis, wie er 2012 in einem Artikel eines Wochenmagazins proklamiert wurde, ist ebensowenig gekommen wie Fukuyamas Ende der Geschichte. Geschichte endet nicht, solange Menschen daran schreiben. Auch nicht die des Ostens.



In schwierigen Verhältnissen. Wie Chemnitz nach dem Mauerfall zu der Stadt wurde, die sie heute zu sein scheint - und was sie mit Cottbus gemein hat.

Von West nach Ost. Aus Westberlin nach Sachsen. Das war 1991, fast zwei Jahre nach dem Fall der Mauer 1989. Ich wollte das andere Land kennen lernen, das für mich vermutlich genauso exotisch war wie dem DDR-Bürger der Westen. Zwei, drei Jahre lang. Tatsächlich blieb ich 19 Jahre in Chemnitz, anschließend zog ich in die Lausitz. In Ostdeutschland lebe ich bis heute. Ich bin weder Wessi noch Ossi.

Ich habe Chemnitz und Cottbus etwas zu verdanken. Beruflich machte ich entscheidende Schritte. Ich fand Freunde. Ich wurde Vater. Meine Kinder sind gebürtige Chemnitzer, wuchsen in Sachsen und Brandenburg auf. Es tut mir deshalb unendlich leid, was gerade mit diesen Städten passiert.

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen in Chemnitz und den folgenden, aufsehenerregenden September-Demonstrationen schien es so, als würde sich der Rauch ein wenig verziehen. Bunte und feinsinnige Aktionen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die die hässlichen Momente überschreiben sollten. Das Konzert in der Innenstadt vor 65.000 Zuhörern, die auf ihre Weise gegen Fremdenfeindlichkeit demonstrierten. Es folgen bis heute weitere Aktionen.

Auch die hässlichen Nachrichten hören nicht auf. Verhaftungen. Rechtsextremistisches Terrornetz in Chemnitz, Erinnerungen an den NSU-Terror. Ein Nazi-Nest – der Eindruck entsteht nicht nur in Deutschland. Für das Ansehen der Stadt ein Desaster. Und wenn darüber geschrieben wird, kommt Cottbus oft im gleichen Satz vor. Es liegt nah, und eine rechtsextreme Szene gibt es auch in Cottbus und Umgebung. Und Cottbus hatte ja in diesem Jahr auch seine eigenen dunklen Momente.

Von außen betrachtet erschien Chemnitz zu Beginn der 90er Jahre wie ein schmutziges Blatt Papier. Aber es gab eine Menge aktiver Menschen, die den festgeklebten Staub abkratzten. Hervorschimmerte die Vergangenheit einer bedeutenden Industriestadt. Die Umbenennung von Karl-Marx-Stadt in Chemnitz 1990 war nur die Eröffnung zu dieser Neubewertung.

Inzwischen ist Chemnitz wieder ein wichtiger Industriestandort. Die Universität schneidet in nationalen Vergleichen regelmäßig gut ab. Eine engagierte Zivilgesellschaft hat sich herausgebildet. Als Neonazi-Stadt machte Chemnitz in den ersten beiden Jahrzehnten nach der Wende zumindest überregional kaum auf sich aufmerksam. Ich selbst glaubte lange Zeit, Chemnitz, die Ingenieurstadt, sei weitgehend immun gegen so etwas.

Aber es ging eben nicht allen gut. Einen Riss hatte das Bild der sich ausbreitenden Normalität von Beginn an. Es waren die sozialen Verwerfungen, die über Jahre die Alltagsgespräche bestimmten, die damit einhergehende Angst vor der Zukunft, die Entwertung von Biografien, die Ungleichbehandlung bei Lohn und Renten, das fehlende Wissen darüber, wie diese demokratische und kapitalistische Gesellschaft funktioniert, von Bankgeschäften über Versicherungen bis zum Autokauf. Mancher kam damit nicht zurecht.

Teile der städtischen Gesellschaft blieben in den 90er Jahren hängen. Mit Internetanschluss und Smartphone, ja. Auch mit einem gemäßigten Wohlstand. Aber die alte Wunde wollte nicht verheilen. Es war anstrengend, sich eine neue Übersichtlichkeit zu schaffen. Wenn die Verstörten – oft mit ihren erwachsen gewordenen Kindern – jetzt demonstrieren gehen, laufen sie sich die Verunsicherung aus den Beinen, aber sie bestätigen sie sich gegenseitig und geben ihr somit weitere Nahrung. Die Neonazis, teilweise ebenfalls älter geworden und mit der Nachfolgegeneration auf der Straße, sind inzwischen mittendrin. Die Grenzen zerfließen.

Ausgerechnet Städte wie Chemnitz und Cottbus offenbaren dies deutlich. Aber spielt es überhaupt eine Rolle, wie die Stadt heißt? Es geht doch um die Art, wie die Gesellschaft künftig noch im Dialog bleiben will. Während ich Anfang September in Chemnitz in der westsächsischen Stadt durch Demonstrationen, Gegendemonstrationen, Wasserwerfer, Pferdestaffeln, Provokateure, Gaffer, Jagende und Flüchtende laufe, tauchen Erinnerungen auf.

Zum Beispiel das konspirative Treffen mit einem vermeintlichen Aussteiger aus dem engen Umfeld des 1991 verstorbenen Neonazis Michael Kühnen. Der Mann war in meinem Alter. Er erläuterte, was alles passieren würde nach einer Machtübernahme. Auch in den eigenen Reihen müsse man kräftig „durchkämmen“.

Was ich damals nicht wusste: Er war nicht der einzige Hardcore-Nazi in Chemnitz. Später, ab November 2011, wurde öffentlich, dass die NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in der Stadt Unterschlupf gefunden hatten und Banken ausraubten. Aber wer bekam das schon mit? Angeblich nicht einmal der Verfassungsschutz. Und nun taucht plötzlich die rechtsextreme „Revolution Chemnitz“ wie aus dem Nichts auf.

Oder der fast 90 Jahre alte Mann aus meiner Nachbarschaft in Chemnitz in den 1990er-Jahren. Er hatte fünf verschiedene Staatsformen durchlebt: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Staat, DDR und nun Bundesrepublik. Dass er DDR und Hitlerzeit gleichermaßen positiver bewertete als die wenigen Jahre, die er in der Nachwendezeit lebte, fand ich überraschend. Medizinisch wurde er gut versorgt. Trotz seines hohen Alters unternahm er Reisen. Heute würde ich sagen: Dieser alte Mann war ein Typ aus der Zukunft.

Vor wenigen Wochen in Chemnitz war ich umgeben von Menschen, denen es persönlich nicht ganz schlecht und mitunter sogar richtig gut geht. Dennoch glauben sie, dass es alles unaufhaltsam schlechter wird. Und die sich deshalb nichts sehnlicher wünschen als die konsequente Herstellung von Recht und Ordnung. Was nur ein Synonym ist für den starken Staat, für Pfade, die nicht schon wieder in unbekannte Richtungen führen. Die Welt soll sich immer schön im Kreis drehen.

Die Schauspielerin Magda Decker spielt in Chemnitz Theater. In den „Sieben Geistern“ gibt sie eine junge, wütend-frustrierte Frau, die merkt, dass etwas nicht stimmt mit ihrer Familie. Das generationenübergreifende Verdrängen und Verschweigen. Das Unheil, das ihren Eltern und Großeltern während der NS-Zeit und der DDR widerfuhr, aber auch die Mittäterschaft, die an ihren Seelen frisst, leben fort und vererben sich über Träume.

Wie viele andere auch wurde Decker überrascht von der rechtsradikalen Wucht: „Das tat weh. Es bedrückt mich. Es ist traurig.“ Aber Chemnitz ist deswegen nicht für sie untergegangen. Das Theater geht weiter, das Leben auch. Chemnitz kommt zurück. Doch die Tage, an dem Hass und Angst sich Bahn brachen, sind nun ein Teil der Stadtgeschichte. Und wie es scheint, folgen weitere dunkle Kapitel. Aber Chemnitz ist eine Kämpferin. Wie Cottbus.

Erschienen in der Lausitzer Rundschau im November 2018

 


Die großen Männer mit den langen Bärten. Über Heldenverehrung in Polen - und eine ironische Antwort aus der Ukraine.

Wie sollte es anders sein auf einem Königsweg? Für den deutschen Beobachter ist die Warschauer Allee der Sehenswürdigkeiten ein Schaulaufen versteinerter Männer aus der Vergangenheit: Nationaldichter, Würdenträger aus der Kirche und – weit oben im Rang – Märtyrer aus der Politik. Frauen scheinen für solche Positionen offenkundig weniger geeignet zu sein.

Wobei Schaulaufen vielleicht nicht ganz der richtige Begriff ist, auch wenn die Denkmäler aufgrund ihrer Vielzahl den Eindruck verschaffen, als seien sie in Bewegung. Es ist das Hase-Igel-Prinzip: Kaum hat man einen hinter sich gelassen, steht der nächste schon wieder vor einem. Und wie die beiden Igel gleichen sich Priester, Poeten und Politiker bei all ihrer Verschiedenheit doch erheblich. Die graue Farbe, die wahnsinnige Größe, die Abgehobenheit auf dem Sockel, die erhabene Geste. Unbeirrbar, kompromisslos, mit dem Anspruch auf Ewigkeit. Fest auf dem Boden menschlicher Macht- und Unterwerfungsphantasien. 

Unbestrittene Nummer Eins unter den versteinerten Märtyrern ist im katholischen Warschau natürlich Jesus, der in tausendfacher Ausführung vornehmlich in Kirchen seine stille Macht ausübt. Deutlich sichtbarer auf der Straße aber ist ein Märtyrer aus der Neuzeit: Lech Kaczyński, zu Tode gekommen beim Flugzeugabsturz in Smolensk im Jahre 2010. Der Beginn einer neuen Zeitrechnung in Polen…

Der tote Kaczyński ist als Denkmal bereits nach wenigen Jahren fast schon so was wie ein Evergreen unter den Denkmälern. Mal mehr, mal weniger opulent feiert der frühere Präsident eine Art Auferstehung. Da ist es schon außergewöhnlich, wie zurückhaltend er auf asketischen Smolensk-Gedenktafeln präsentiert wird, gleich vor dem Präsidentenpalast. Manchmal hängen dort auch ein paar Kreuze aus Birkenholz windschief in einer schweren Absperrkette aus Eisen. Aber selbst diese Einfachheit hat etwas aufdringliches, weil sie den monumentalen Schlossbau und ein älteres Riesendenkmal – ein Kriegerfürst auf einem Pferd mit gezogenem Schwert – verschwimmen lässt. Es ist wie mit der Hintergrundunschärfe auf einem Foto: Das Detail im Vordergrund sticht ins Auge, der Hintergrund untermalt das Detail nur noch in schweren Tönen.

Warschau 2018 ist natürlich viel mehr als die Ansammlung von Denkmälern, es ist modern und quirlig. Dennoch fallen die Monumente wieder mächtiger ins Gewicht, seitdem die konservativ-klerikale Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) verstärkt das Geschäft der Helden- und Legendenbildung betreibt. Vorneweg Parteichef Jarosław Kaczyński, der Zwillingsbruder von Lech.

Für die Sozialanthropologin Annamaria Orla-Bukowska, die an der Jagiellonen-Universität in Krakau forscht und lehrt, hat das machtpolitische Gründe.

Aufgebaut wurde die PiS 2001 von den Zwillingsbrüdern Kaczyński. Das herausragende Merkmal war anfangs ihr Eintreten für eine konsequente Kriminalitätsbekämpfung – also eine klassische Law and Order-Partei, die zudem ein traditionelles Familienbild förderte, wo Schwangerschaftsabbrüche oder Homosexualität keinen Platz finden. Nur vier Jahre nach ihrer Gründung wurde sie stärkste Partei im Parlament und bildete für zwei Jahre lang die Regierung. Bei den Wahlen 2007 verlor sie aber wieder ihre Führungsrolle – und die Regierungsmacht.

Der Machtverlust verführe Politiker manchmal dazu, auf einen heroischen Nationalismus zu bauen, um diese Macht wiederzuerlangen und dann auch zu behalten, meint Orla-Bukowska. Beispiele seien der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und eben PiS-Parteichef Jarosław  Kaczyński. „Manche Wähler mögen es, zu hören, sie seien Helden. Wenn das nämlich stimmt, können sie sich stolz fühlen und nicht schuldig oder beschämt.“ Das funktioniere besonders gut im Osteuropa des 21. Jahrhunderts, wo es im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust und der kommunistischen Vergangenheit so viele Schuld- und Scham-Diskussionen gegeben habe.

Und so wird die alte Legende von der Rechtschaffenheit eines Landes und seines Volkes aufgeführt. Wenn dies tatsächlich die Strategie gewesen sein sollte, ging sie auf: 2015 kam die PiS mit viel Furore wieder an die Macht.

Eine bedeutende Rolle bei der Neujustierung des Geschichtsbildes spielt das Märtyrer-Dasein, wo sich Opferrolle und Heldentum verbinden: Polen, so die Darstellung, musste sich in seiner Geschichte immer wieder wehren, gegen Kommunismus, gegen Faschismus, gegen die Sowjets, gegen Russland, gegen Deutschland. Es war immer wieder Opfer, aber es hat sich niemals unterkriegen lassen, so die idealisierte Erzählweise. Das neue Gesicht dazu liefert der neue Held Lech Kaczyński: Bis zum heutigen Tag zweifeln Verschwörungstheoretiker und Bruder Jarosław die Unfallthese an – sie glauben an ein Attentat, gesteuert aus Russland. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden.

Dass Polen in seiner Geschichte viel Leid und Ungemach erfuhr, ist unbestitten. Aber spätestens im Jahr 2001 bekam das Bild der vollkommenen Unschuld Risse, als Jan T. Gross das Buch „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“ veröffentlichte. Es sorgte für viel Erregung und Diskussion, weil es das Massaker an Juden im Jahr 1941 durch polnische Bewohner der Stadt Jedwabne aufhellte.

„Polen waren nicht nur Opfer“, stellt Orla-Bukowska fest. Und selbst in Fällen, wo sie Zeugen waren, sei doch festzuhalten: „Zeugen können hilflos sein, manchmal sind sie aber auch mitleidslos.“

Solche Gedanken trüben das Bild vom zeitlos-heldenhaften Dasein. Wo doch der Umgang mit Helden – insbesondere mit versteinerten – ohnehin schon schwer genug ist. Für die, die sie erschaffen, weil sie das Gedenken an die großen Taten ständig wach halten müssen. Für die, die sich von der Heldenverehrung abgestoßen fühlen, weil sie ihre Übermacht entweder lächerlich oder gar bedrohlich empfinden. Und auch für die, die die Idealisierungen als eine Beleidigung ihres Intellekts empfinden.

Allerdings gibt es durchaus auch eine ironische Art, die Anwesenheit der Helden zu billigen, ohne sie zu huldigen.

Die kanadische Soziologin und Journalistin Barbara Thériault, die sich intensiv mit Erinnerungskultur in Ostdeutschland beschäftigt, war in diesem Jahr für mehrere Monate Stadtschreiberin im ukrainischen Lwiw (Lemberg). Sie hat sowohl Polen als auch die Ukraine bereist. Eine Vorliebe für „große Männer mit langen Bärten“ erkennt sie in beiden Ländern. In ihrem öffentlichen Tagebuch macht sie ein Experiment: Was wäre, wenn die Statuen anfangen würden, zu sprechen? Sie beschreibt den „versteinerten Präsidenten“ Mychajlo Hruschewskyj, wie er milde auf „seine“ braven Dienstleute herabblickt, die in aller Frühe die Straße kehren. Dass er als riesiges Monument nur in den Köpfen der Menschen lebt, ist dem vor vielen Jahrzehnten verstorbenen Präsidenten nicht bewusst. „Manche behaupten, ich sei etwas steif geworden, aber man bewegt sich im Alter bekanntlich weniger.“ 

Erschienen in der Lausitzer Rundschau und der Märkischen Oderzeitung im Oktober 2018


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