Website des Journalisten Johannes M. Fischer
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Literarischer Journalismus


Die Kunst im Werden. Der klassische Journalismus ist Ergebnisjournalismus. Immer noch. So ist es in der Politik (Pressekonferenz!), so ist es in der Kultur. Die Premiere ist das Hochamt der Berichterstattung. Kunst im Werden verfolgt den umgekehrten Weg: Im Mittelpunkt steht der Prozess und die Frage: Wie entsteht so ein Kunstwerk eigentlich? Ob und wie hoch die jeweilige Kunst gefördert wird, spielt bei der Auswahl der Werke keine Rolle. 

Lumpenlese. Notizen über Typen und Verhaltensmuster, die normalerweise verdammt sind, unsichtbar zu bleiben. Eine Lese von Lumpen, die in der Welt der Mikrofone und Scheinwerfer unbeobachtet bleiben. Auch wenn es etwas respektlos erscheint, so habe ich mir dennoch erlaubt, mich ein ganz klein wenig an großartige Beobachter und literarische Vorbilder wie den Lumpensammler Siegfried Kracauer (so Walter Benjamin über den Feuilletonisten), Elias Canetti (Ohrenzeuge) und Theophrast (Charaktere) anzulehnen. Entstanden sind die kleinen Fingerübungen immer dann, wenn irgendwo etwas Zeit und Muse auftauchte: Auf Kaimauern,  Parkbänken, Straßenbahnen, Zügen und natürlich in Cafés. 

Lumpenlese #5: Die Versprechensbrecher










Es ist in der Regel gar kein Er und auch keine Sie, weil Versprechensbrecher (Abkürzung: VB) oft auch in Gruppen auftreten. Verbrechensbrechersoziologen sprechen im Zusammenhang mit der VB inzwischen sogar von einer Gesellschaftsformation oder auch von der postideologischen VB-Gesellschaft.

Aber vielleicht liegt es auch an dem Erleider der Versprechensbrechung, dem Versprechensreinfaller. Ist ihm endlich einmal ein Fall aufgefallen, bemerkt er auch die anderen. Er wähnt sich dann wahlweise in einer Gesellschaft der Betrüger, der Ehrenlosen, der Leichtsinnigen oder der Empathielosen - je nachdem, wie wohlwollend er mit denen umgeht, die ihn immer und immer wieder reinlegen. Weil er aber die Hoffnung den nackten Tatsachen vorzieht, dauert es bestimmt nicht lange, bis er erneut einem Versprechensbrecher zum Opfer fällt.

Immer und immer wieder.

Bis ihm endlich jemand die Augen öffnet: „Sie sind naiv!“ Aha. Er hätte es ahnen müssen. Der Fehler liegt bei ihm.

Trotzig denkt er: „Jemand könnten mir doch einfach die Wahrheit sagen.“ Damit beweist er, wie recht Jemand hatte, als er ihm mit einem mitleidsvollen Seufzer die Wahrheit sagte. „Naiv!“ Es gibt viele Sünden, die einem unterlaufen können, aber Naivität wird in diesen Zeiten mit am härtesten bestraft.

Jemand, die ihm die Augen öffnete, führte ihn an einen geheimen Ort, wo nichts mehr wahr und alles nur noch Illusion war. Hier existierten ausschließlich Wünsche, die aus den tiefsten Tiefen des Herzens nach oben schnellten, und Versprechungen, die sich jeder Logik widersetzten und selbst im ärgsten Widerspruch keine Täuschung entdeckten. Ja, die Widersprüchlichkeit selbst erschien in verlockendem Licht. „Ich manipuliere dich“, sagte Jemand. „Scheißegal“, sagte er. „Solange es sich gut anfühlt.“

Bis Jemand die Tür zuschlug und er bemerkte, dass er ganz alleine im Raum stand und sich selbst die hoffnungsspendenden Versprechen vorsprach. Die Neonlampen flackern ein paar Sekunden, dann drang das grelle Licht der Erkenntnis mitleidslos in seine Augen. Die falschen Versprechungen gaben sich schamlos als solche zu erkennen. Ganz kurz nur, aber der helle Moment reichte aus, um die folgende Typologie erstellen zu können.

Es gibt drei Haupttypen der Versprechensbrechung und zahlreiche Zwischentypen. Der Einfachheit halber konzentrieren wir uns an dieser Stelle auf die Haupttypen.

- Der Soldat. Er meint es ernst, weil er sich verpflichtet fühlt. Dummerweise verspricht er etwas, ohne darüber nachzudenken, was er gerade versprochen hat. Sobald das Wort seinen Mund verlassen hat, arbeitet er mit aller Macht an der Umsetzung des Versprechens. Er ist überzeugt davon, sein Versprechen halten zu können, kann es tatsächlich aber nicht, weil die Umstände dagegen sprechen. Er hätte sie vorher berechnen müssen, dann hätte er gesehen, dass er das Versprechen nicht hätte geben dürfen. Am Ende enttäuscht er den Versprechensnehmer und sich selbst. Er schießt sich dann gelegentlich eine Kugel in den Kopf.

- Der Kokette. Er ist das Gegenteil des Soldaten und meint es bei der Versprechensgebung nie so ganz ernst. Er spielt mit dem Versprechen, das wie ein kleines Kunstwerk für sich selbst steht und überhaupt nicht erfüllt werden muss. Im Gegenteil: Die Erfüllung würde dem Versprechen womöglich sogar den Zauber nehmen. Der Versprechensbrecher lässt es einfach offen und genießt gemeinsam mit dem Versprechensnehmer den spannungsgeladenen Moment der Offenheit, egal, ob es nur ein paar Sekunden oder eine halbe Ewigkeit dauert. Das Versprechen ist in diesem Fall ein Geschenk, verabreicht von einem fröhlichen Tänzer.

- Der Nutznießer. Er setzt das Versprechen ein, um sein Gegenüber in seinem Sinne und zu seinem Zwecke zu beeinflussen. Auch hier ist es nicht weiter von Belang, ob das Versprechen tatsächlich eingelöst wird, sehr viel wichtiger sind die Folgen, die das Versprechen im Versprechensnehmer auslöst – zum Wohle des Nutznießers. Allerdings berechnet zumindest der Profi unter den Versprechensgebern sehr genau die Konsequenzen der Nichterfüllung. Wenn er sie nicht in Kauf nehmen will, erfüllt er sein Versprechen oder tut so, als würde er es erfüllen, oder entschuldigt sich, weil die Umstände so seien, dass er es nicht erfüllen kann. Es ist auch durchaus möglich, dass sich der Nutznießer nicht mehr an die Versprechungsgebung erinnert. Damit niemand das Gegenteil beweisen kann, formuliert er die Versprechensgebung in der Regel eher vage und niemals schriftlich. So entgeht er Sanktionen, die auf ihn hereinbrechen könnten, würde der Versprechensbruch amtlich werden. Der Nutznießer spielt zuweilen auch in der Liga der Betrüger.

Die Versprechungsgebung, sofern sie auch im Empfang genommen wird, knüpft ein Band zwischen Nehmer und Geber. Verweigert der Nehmer die Annahme, hängt das Versprechen in der Luft. Das fühlt sich für den Versprechensgeber meistens nicht so gut an, es sei denn, es handelt sich um eine Koketterie.

Ist es ein leichtes Versprechen, etwa ein Lächeln, ein Blick, ein Zwinkern auf der Cocktail-Party, entwickelt es auch nur eine leichte Last für die Beteiligten, die für Heiterkeit sorgt, manchmal aber auch unangebracht zu sein scheint. Ist es ein schweres Versprechen, wie es zum Beispiel im Hinterzimmer der Ganovenkneipe oder im Parlament abgegeben wird, wächst auch das Gewicht der Last. Der Soldat als Geber und der Naive als Nehmer sind dieser Last besonders stark ausgesetzt, so sehr, dass ihnen manchmal die Schulter weh tut. Der Kokette – wie sollte es anders sein – jongliert mit dem Gewicht. Solange es unerfüllt in der Luft schwebt, belastet es ihn nicht. Der Nutznießer hingegen – ein erstaunliches Phänomen! – spürt selbst das allerschwerste Versprechen nicht, weil er in Gedanken immer bei den Vorteilen ist, die ihm aus der Versprechensgebung erwachsen könnten. 


Kunst im Werden #1: Der Reiz des Unvollendeten. Ein Anfang

Es war nur so eine Idee. Ich weiß nicht mal, wann und in welchem Zusammenhang sie kam. Aber es war irgendwann im Sommer 2018 und sie kam nicht von ungefähr.

Was mich am traditionellen Journalismus schon immer störte, ist die Fokussierung auf das Ergebnis. In der Regel ist immer nur das fertige Werk der Rede wert. Das gilt übrigens in der Kunst genauso wie in der Politik. Viel interessanter aber ist der Prozess. (Zumal es ja nicht wirklich irgend etwas Abgeschlossenes gibt: Der nächste Tag bringt schon wieder eine neue Lage. Abschluss-Pressekonferenz hin, Eröffnungsfeier her). Das ist der Boden, der die Idee entsprang.

Damit sie nicht gleich wieder verschwindet, was Ideen ja gerne tun, bekam sie einen Arbeitstitel: Kunst im Werden. Maler, Bildhauer, Musiker, Schauspieler, Literaten, Kulturmanager – sie alle arbeiten an irgend etwas. Entgegen der typischen Ergebnis-Berichterstattung sollte der Prozess im Mittelpunkt stehen. Die Spannung des Unvollendeten. Hier ist also der Weg das Ziel.

Ich stellte „Kunst im Werden“ auf Facebook vor. Die Resonanz war groß. Grund genug, weiter zu gehen. Auszuprobieren, wie es gehen könnte. Feldforschung.

Das Ziel des Wegs: Ein Haus in Erfurt, ein paar Straßenbahnstationen von der Altstadt entfernt. Ein so genanntes Wächterhaus. Insgesamt gibt es davon drei in der Stadt: Vormals leerstehende Häuser, die verfallen würden, gäbe es keine Nutzer. Also suchte die Stadt nach Künstlern und Menschen aus der Kreativwirtschaft, die dort für eine bezahlbare Miete ihre Ateliers einrichten und die Häuser erhalten. In so einem Haus arbeitet die Bildhauerin Annekatrin Lemke, die ich kurz zuvor auf einer Vernissage kennengelernt hatte.

Die Nordhäuser Straße ist eine Ausfallstraße, die das Zentrum mit den Plattenbausiedlungen im Norden verbindet. Zwischen beiden Vierteln, die recht unterschiedliche Gesellschaften beherbergen, steht, als wolle sie so etwas wie eine Vermittlerin sein, eine große Klinik. Und eine Universität. Gleich neben der Klinik befindet sich ein weitläufiges, verwildertes Grundstück. Es sieht ein bisschen so aus, als dürfe man es nicht betreten, als gäbe es ein unsichtbares Schild mit dem Hinweis: Vorsicht verhext!

In dem Grundstück stehen verstreut ein paar Ziegel- und Flachbauten. Ich war verunsichert, weil ich weit und breit nichts erkannte, was nach Kunst und Kultur aussehen wollte.

Zwei, drei Mal lief ich durch das Gelände, auf und ab. Die Zeit verging, und ich war sowieso schon zu spät. Eine Frau, die aus einem der Gebäude kam und aussah, als gehe sie hier ein und aus, schaute mich verwundert an. „Künstler? Ateliers? Nicht, dass ich wüsste.“

Wer kennt auch schon seine Nachbarn?

Ich kreiste weiter durchs Gelände. Ein brennesselumwachsenes Gebäude hatte ich bislang ignoriert. Ich rüttelte an der Tür. Zu. Ich schaute durch die Fenster in die Räume: Leer. Blick auf die Uhr: Viel zu spät.

Nur noch ein flaches, langgezogenes Haus war übrig, das ich, warum auch immer, noch nicht inspiziert hatte. Weil es verputzt war, sah es von außen gepflegter aus als das Brennesselhaus, aber nicht wirklich schön oder interessant. Eher wie das Gebäude eines Gebrauchtwagenhändlers, der finanziell immer am Limit arbeitet und gelernt hat, sich auf das Notwendigste zu beschränken. Hauptsache, die Heizung geht und es regnet nicht rein.

Die Tür war geöffnet, im Innern Baustelle, Baustelle, Baustelle. Im Gegenlicht kam mir eine schattenhafte Gestalt entgegen. Als sie vor mir stand, erkannte ich sie. „Hallo, tut mir leid, bin spät…“ „Kein Problem“, meinte Annekatrin Lemke. Sie führte mich in ihr Atelier. Einst ein Krankenzimmer – an wenigen Details konnte man das noch erkennen. Womöglich fließt das ein in ihr Schaffen. Wir werden sehen.

Das Haus, in der ihre Werke entstehen, hatte übrigens schon viele eigenartige Bewohner: verwundete Soldaten, Menschen mit Nervenleiden, Kranke in der letzten Phase ihres Lebens, Flüchtlinge. Jetzt sind es Künstler.

Es war schon immer ein Haus für Menschen, die die Randgebiete der Gesellschaft besiedeln. 01.10.18


Lumpenlese #4: Mein Freund Gregor













Hat Gregor resigniert? Nein. Er wirkt nur so.

Oder er hat, merkt es aber nicht. Oder will es nicht wissen. Oder weiß es, verbirgt es aber.

Ein bisschen, ein kleines bisschen hat er schon. Die ihm gut sind, spüren diese leichte Selbstaufgabe. Sie kommt im Gewand der Gleichgültigkeit daher, eine unangestrengte Coolness, ja, vielleicht sogar Abgeklärtheit.

Wer ihm weniger gut ist, verschubladet ihn als ein bisschen dumm oder gefühlskalt. Hier ist Einspruch dringend geboten! Gregor ist klug und sehr empathisch. Er inhaliert die Gefühle anderer Menschen.

Dieses Bild hat sich mir eingeprägt: Wie er am Kai stand und die Fähre in der Ferne schwinden sah. Er blickte ihr nach und doch an ihr vorbei. War es Melancholie? Ein innerer Abschied, als zöge mit der Fähre seine Liebste für immer davon?

Nein, es war anders. Wohltuend sinnentleert. Er zog an seiner Zigarette als atme er Freiheit. Tatsächlich atmete er das Nichts. Ein transzendentaler Moment.

Gregor spricht nicht viel, selbst wenn er etwas zu sagen hätte. Es lohnt sich nicht. Konversation endet immer an einem toten Punkt.

Wäre Gregor noch mal jung, wäre er genauso alt wie jetzt auch. Er ist immer Mitte 40 bis Mitte 50. Seine Mimik beschränkt sich auf wenige Ausdrücke, die überdies etwas trocken wirken. Wenn er lächelt, möchte man weinen. Aber er probiert es immerhin, weil er gehört hat, dass ein Lächeln anderen gut tut. Ein kleines Geschenk an die Menschheit.

Gregor ist ein kompatibles Einzelgängerformat, das beliebig viele Paarungen eingehen könnte, wenn es sich ergeben würde. Tatsächlich ergibt es sich eher selten, aber sehr viel häufiger als man meinen möchte. Wenn es sich ergibt, verliert er sich nicht, weil ihm in früheren Jahren zu oft das Herz gebrochen wurde. Das ist zum Glück vernarbt.

Nicht, dass Gregor nicht lieben könnte. Aber weil er sowieso nicht die bekommt, die er liebt, muss er sich auch nicht sonderlich anstrengen. Er nimmt einfach die, die ihn liebt, oder die ihn aus praktischen Gründen erwählt, weil er passabel aussieht, halbwegs gutes Geld verdient, eigentlich sehr nett ist und der Mieter aus der Nachbarwohnung ist. Dann kann man ja auch gleich zusammen in Urlaub fahren.

Nicht so gut passt er zur Lebensheischenden (siehe unten) - da hat er gewisse Vorbehalte, die er aber nicht weiter definieren möchte. Umso besser funktioniert es mit dem Rasenmähermann (siehe unten). Seine Favoritin ist aber - er kann es sich selbst nicht erklären - die Trauerklößin (siehe unten).

Gregor lebt in der unvollendeten Vergangenheit. Er HAT geliebt und trägt es immer noch ein wenig mit sich herum. Er HAT gute Ideen gehabt, aber sie wurden ihm gestohlen. Er HAT die Welt verstanden, aber jetzt will er nichts mehr von ihr wissen. Sie HAT leider ihren Glanz verloren.

Eine Sache aber ist vollendet: Er HATTE seine Momente. Die sind definitiv vorbei. Darauf ruht Oskars Glaubenssatz, der einfacher ist als die Dreifaltigkeit: Es ist vorbei und kommt nie wieder.

Gregor ist kein Misanthrop und weiß sehr wohl, wie sich die Welt genießen lässt. Wenn er in Stimmung ist, geht er gut essen und trinkt ein bisschen mehr als sonst.

Zweimal hat er sich schon mit dem Gedanken beschäftigt, vegan zu werden. Aber es war nur so ein Gedanke und seiner Umgebung geschuldet, die sich veganisiert.

Dreimal hat er durchgespielt, wie es wäre, sich das Leben zu nehmen. Aber auch das regte ihn nicht sonderlich auf. Also ließ er es.

Gregor braucht keine Bestätigung von anderen Menschen. Er ist halbwegs zufrieden mit sich, und wenn er es doch mal nicht ist, schiebt er die Unzufriedenheit einfach beiseite. Wen interessiert es schon wie ich bin und auf andere wirke? Mich nicht.

Er macht sich keine großen Gedanken über sein Äußeres, hinterlässt aber stets einen ordentlichen Eindruck. Er hätte gerne etwas mehr Freude am Leben, aber nicht zu viel, weil zu viel davon ihren Preis hat. Er will nicht mehr zahlen.

Ich bin nicht Gregor. Aber es könnte sein, dass er in meinem Inneren eine Abstellkammer bewohnt und mich warnt: Werde nicht so! Anzeichen einer Gregorisierung bekämpfe ich augenblicklich und mit aller Macht. 15.09.18


Lumpenlese #3: Die Trauerklößin












Selbst wenn sie in einem reichen Land leben würde, wäre die Trauerklößin arm dran. Hinter der Fassade des heiteren Lebens und des kecken Lächelns verbirgt sich ein tiefer Brunnenschacht, in das die Trauerklößin für Stunden, manchmal sogar mehrere Tage versinkt.

Es gibt mindestens genauso viele Trauerklöße wie Klößinnen. Das Trauerkloßentum ist nicht geschlechtsgebunden. Es existiert in allen erdenklichen Formen. Mal ist es die begrenzte Auswahl an Gewürzen, was ihr den Atem nimmt. Mal sind es die Erwartungen des Kochs, die sich so gar nicht mit den ihren decken wollen. Immer ist es eine Art von Freiheitsbeschränkung.

Die Trauerklößin ist auch dann einsam, wenn sie in Gesellschaft ist. Die sie allerdings meidet, wenn es wieder so weit ist. Dass es „so weit“ ist, kann zu jeder Stunde, jeder Tages- und jeder Jahreszeit eintreten. Es gibt allerdings individuell unterschiedliche Auslöser, denen die Trauerklößin gerne aus dem Weg gehen würde, aber nicht kann.

Dass sie zeitweise in düsteren Brunnenlöchern lebt, bedeutet nicht, dass jede Trauerklößin über kurz oder lang verloren ist, jedenfalls nicht mehr oder weniger als jede(r) andere auch. Manchmal ist es einfach nur das Auf und Ab des Lebens, dass die Empfindsamen unter den Klößen - Trauerklöße sind immer sehr empfindsam - stärker spüren. Bei den Hochs ist das ein lebenslustiges Vergnügen, die Tiefs hingegen bergen eine gewisse Gefahr. Man weiß ja nie, ob man wirklich wieder raus kommt…

Generell ist es verboten, humorvoll über das Trauerkloßentum zu schreiben und zu sprechen. Die Kommunikation über diesen wiederkehrenden Seelenzustand erfolgt in der Regel gar nicht oder stark formalistisch, etwa in der Wissenschafts- oder Medizinersprache. Da das Trauerkloßentum mit Leid verbunden ist, verbieten sich ironisierende Darstellungen, es sei denn die Betroffene schreibt über sich selbst. Das Thema lässt sich auch nicht wirklich gut vermarkten, schon gar nicht, wenn das Trauerkloßentum im tiefen Schacht und ohne glücklichen Ausgang endet. Eine sentimental abgeschwächte Darstellung mit Happy End wiederum ist durchaus gefragt, vor allem in der Ratgeberbranche und in der fiktiven Literatur.

Das Sprechen über sich selbst verbietet sich also eigentlich, das weiß sie nur zu gut. Wer seelische Düsternis artikuliert, schafft in der Regel Verwirrung. Gute Laune verwandelt sich in betroffenes Schweigen, die Party ist dann vorbei. Wer ein rauschendes Fest feiern möchte, sollte die Trauerklöße herausfiltern und nicht einladen. Sie können zwar in guten Stunden glänzende Stimmung verbreiten, wenn es aber mal wieder so weit ist, ziehen sie ihre Umgebung nach unten.

Nicht jeder erkennt eine Trauernde. In der Regel erkennen sich Trauerklöße aber untereinander am Blick. Sollte sich einem eine Trauerklößin eröffnen, ist es in der Regel besser, keinen Rat zu geben. Oft reicht ihr schon ein offenes Ohr. Oder noch besser: Einfach in Ruhe lassen. Das lindert den dumpfen Schmerz.


Nicht jedertrauerklößins Sache sind Trostsprüche. So wie: „Aber ALLES im Leben geht vorüber, und das gilt auch für diese schwierigen Zeiten.“

„Das wird schon wieder.“

„Wer nie scheitert, entwickelt sich nicht und kann auch nicht glücklich werden, denn ihm fehlt die Erfahrung der eigenen Stärke.

Du meine Güte! 

Der Düsternis voraus gehen häufig Verluste. Oder Erinnerungen daran. Vertraute Freundinnen und Freunde sowie enge Verwandte wissen manchmal davon. Aber die abgrundtiefe Schwärze lässt sich kaum nachempfinden. Deshalb schwebt jede Trauerklößin in ihrer eigenen Seelenbrühe.

Befindet sie sich im Tief, darf sie hoffen: Aufhellung kommt mitunter schon nach wenigen Stunden oder mit dem nächsten Tag, wenn neue Herausforderungen auftauchen. In der Arbeit geht sie dann auf. Das ist wie ein Brett, mit dem sie das schwarze Brunnenloch einfach überdeckt. Gelingt das nicht, ist es, als ob die Trauerklößin in diesem tiefen, dunklen Brunnen stecken bleibt und absolut keinen Ausweg mehr sieht.

Es wäre naiv, zu glauben, man selbst habe keinen solche Brunnen vor der Tür. Es ist aber besser, er findet Dich nicht.

Warnung an alle Kinder: Dieser Lexikoneintrag zur Lumpenlese gehört zu den Traurigsten aller Einträge. Es wäre vielleicht besser gewesen, ihn nicht zu lesen. Der nächste wird wieder besser. 06.09.18


Lumpenlese #2: Die Lebensheischende











Auf der Landkarte der Sinus-Milieus wird die Lebensheischende vorwiegend im Klecks der Hedonisten verortet, aber Vorsicht: Auch der Erlebnismensch schleppt schwere Gedanken mit sich herum, die mitunter noch dunkler sind als die Denkwolken professoraler Nihilisten. Im Gegensatz zu diesem benutzt die Lebensheischende aber vorzugsweise schön gemustertes Geschenkpapier in fröhlichen Farben, in welches sie sorgfältig das Leben einwickelt. IHR Leben: Denn es gibt nur dieses eine.

Traurige Schriftsteller lieben diesen Typ: Sie wickeln das Leben der Diesseitsgewandten aus wie ein Geschenk der Inspiration und schreiben dicke Romane darüber, als hätten sie diesen Menschen tatsächlich kennen oder lieben gelernt. In der Leichtigkeit der Lebensheischenden erkennen sie im Kontrast ihre eigene Größe und ihr historisches Gewicht.

Das Epizentrum der Lebensbejahung befindet sich am Glühweinstand unterm Riesenrad des Weihnachtsmarktes. Wo auch immer Menschen sich zu einem Knäuel verbinden und vielfältige Geräusche und Gerüche austauschen, möchte sie sein und gute Laune empfangen und versprühen. Das Leben ist eine große Party, und das Motto dazu hat sie sich unter die Haut tätowiert: Man lebt nur einmal. Deshalb: Lebe den Moment. Weil: Das Leben ist zu kurz für irgendwann. Summa summarum: Liebe, lebe, lache. Für stillere Stunden: Hör auf dein Herz. Im epischer Breite: Tu was du liebst, lebe den Moment, glaube an dich, sei du selbst.

Bevorzugte Stellen der Tätowierungen auf dem Körpergelände sind Oberarm, Schulter und Fußknöchel. Waden, Po und Oberarme sind für diesen Typ nicht tabu, aber weniger attraktiv.

Die Welt der Lebensheischenden erscheint hell und lustig. Was kaum einer sieht, ist das flimmernde Ende der inhalierten Lichterstrahlen, die in trauriger Unerfülltheit verglühen. Doch wäre die Lebensheischende nicht die Lebensheischende, würde sie es dem Autor dieser Zeilen nicht verbieten, das tränengetränkte Verschmieren der Schminke zu verschweigen.

Fröhlich sein! Und zu diesem Zustand gehört die Vorbereitungsphase zuhause. „Bitte, schreiben Sie doch davon!“

Zu den bevorzugten Vorbereitungsinstrumenten gehören der Kühlschrank, wo der prickelnde Prosecco lächelnd wartet, der Spiegel, der die Verwandlung eines funktionstüchtigen Menschen in sein lebensumarmendes Gegenbild dokumentiert, und das Smartphone, über das die gesamte Logistik abgewickelt wird (Verabredungen, Tickets, Aufbau von Vorfreude durch Austausch von Emojis).

Der Vollständigkeit halber muss ich trotzdem noch einmal zurückkommen zur Schattenseite: Wenig beleuchtet sind in den einschlägigen Texten zur Lebensheischerei die Einsamkeit dieses Menschentyps. Tatsächlich ist diese eine getreue Begleiterin, die einige wenige sogar bewusst suchen und nutzen. Sobald die Vergnügungssuchende auch nur einen Zipfel davon zu greifen bekommt, tut sie alles, um ihn ganz schnell wieder loszuwerden. Es ist eine Art der Energieerzeugung: Durch die Diskrepanz von Einsamkeit und Trubel entsteht jene Spannung, aus der die Lebensheischende Kraft schöpft zur nächsten Runde im fröhlichen Lebenskarussell.

Lebensheischende Menschen - sie existieren in allen möglichen Geschlechtsformen - werden von Leseratten und Gregorisierungsgeschädigten (siehe oben) mitunter diskriminiert. Sie werden als oberflächlich und ein bisschen dumm dargestellt. Das stimmt aber nicht. Richtig hingegen ist, dass die Lebensheischende ungern Rasen mäht oder Rosen schneidet (siehe unten: Der Rasenmähermann). Die Lebensheischende versteht sich als urbaner Typ, der aber auch in der Kleinstadt und am Badestrand die Welt erkennt. 26.08.18












Lumpenlese #1: Der Rasenmähermann

Wenn die Rosen erstmals im Jahr ihre blühende Kraft entfalten, kann man ihn besonders oft am Werke beobachten. Zu Beginn des Sommers wächst das Gras besonders schnell und es gibt Samstage, da sind vier von fünf Rasenmähermänner mit Garantie auf der Wiese. Es brummt aus allen Gärten. Im Hochsommer legt sich der Rasenmähersturm, aber bis in den Herbst hinein vergeht kein Tag, an dem in der Eigenheimsiedlung nicht irgendwo ein Elektro- oder Benzinmotor Gras zerschneidet und Insekten zerteilt. Der Mäher schiebt sein Gerät im fortgeschrittenen Jahr mit einer gewissen Routine, weil er die ersten Übungsläufe schon hinter sich hat.

Es gibt zwei Methoden, die fast 100 Prozent aller Rasenmähermännerfälle abdecken. Die erste, genannt die Streifenmethode, bewegt ihn in geraden Linien auf und ab. Streifenförmig verändert sich die Farbe des Rasens, wobei der hell gemähte Anteil im Vergleich zum vom Schatten der Halme leicht verdunkelten Grünanteil wächst.

Die zweite Methode, genannt die Spiralenmethode, wirkt verspielt, weil sie sich von außen nach innen in immer kleineren Kreisen einem Mittelpunkt zubewegt, der vom Rasenmähermann auch als Höhepunkt empfunden wird. Streifenmethodiker lehnen diese Vorgehensweise heftig ab, weil ihr auf den ersten Blick die Ordentlichkeit fehlt. Auch wenn die entstehende Spirale gleich einem Schneckenhaus eine Systematik aufweist, bleiben an den Ecken Grashalme stehen, die der Maschinentreiber dann noch einmal extra wegmähen muss. Dabei ist er gezwungen, von seiner Methode abzuweichen, weil sich die kleinen Ecken nicht im Kreis niedermähen lassen.

Der Rasenmähermann ist gut zu hören, aber nicht so gut zu sehen. Nicht dass er scheu wäre, aber oft sind die Rasen, die er pflegt, hinter hohen Büschen verborgen. Dennoch ist er einfach zu finden, weil das dröhnende Geräusch insbesondere der Benzingeräte ganze Straßenzüge weit zu hören ist.

Manche Geräte sind elektrisch und damit etwas leiser. Der Sound der Benziner, und das ist unter Rasenmähermännern anerkannt, ist besser und riecht nach was. Einige Geräte haben einen Extra-Antrieb. Solche Maschinen deuten darauf hin, dass der Garten Steigungen hat oder der Rasenmähermann schon etwas betagter ist. Die Geräte sind oft rot, manchmal grün.

Ob Benzin- oder Elektrotyp, Streifen- oder Spiraltyp: Der Rasentraktor wird von allen verehrt. Hier ist der Mäher nicht mehr Diener der Grashalme, sondern König. Auf seinem Quad sitzt er wie auf einem Thron. Das lohnt sich allerdings nur bei großen Gärten, weil der Traktor einiges kostet.

Verpönt sind zumindest unter Traditionalisten Rasenmäher-Roboter. Das sind kleine Scheiben, die sich nahezu geräusch- und geruchlos und ohne Kapitän in scheinbar totaler Systemlosigkeit zickzack durch den Garten bewegen. Wenn ihr Akku leer ist, steuern sie brav die Ladestation an. Ist der Akku voll, machen sie sich wieder auf die Reise. Für Kritiker des Internet-Zeitalters ist der Rasenmäher-Roboter der Inbegriff des Zusammenbruchs aller Kommunikation unter den Menschen. Es gibt aber auch schon viele Anhänger dieser 4.0-Methode, sonst stünden die Geräte ja nicht zum Verkauf.

Der Rasenmähermann tritt vereinzelt auch in weiblicher Form auf. Er ist gesellig und trägt gerne ein kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln (siehe auch: Karierte Hemden). Wenn Sie ihn von der Straße aus über den Gartenzaun beobachten, kann Ihnen das Glück widerfahren, dass er die Maschine abstellt und zu Ihnen kommt, um ein Schwätzchen zu halten.

Wenn es heißt ist wie im Sommer 2018, ist der Rasenmähermann traurig. Der Rasen verdorrt. Es gibt nichts mehr zu mähen. 17.08.18


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