Website des Journalisten Johannes M. Fischer
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Gedanken zur Zukunft des Journalismus

Die Kunst im Werden. Der klassische Journalismus ist Ergebnisjournalismus. Immer noch. So ist es in der Politik (Pressekonferenz!), so ist es in der Kultur. Die Premiere ist das Hochamt der Berichterstattung. Kunst im Werden verfolgt den umgekehrten Weg: Im Mittelpunkt steht der Prozess und die Frage: Wie entsteht so ein Kunstwerk eigentlich? Ob und wie hoch die jeweilige Kunst gefördert wird, spielt bei der Auswahl der Werke keine Rolle. 

Lumpenlese. Notizen über Typen und Verhaltensmuster, die normalerweise verdammt sind, unsichtbar zu bleiben. Eine Lese von Lumpen, die in der Welt der Mikrofone und Scheinwerfer unbeobachtet bleiben. Auch wenn es etwas respektlos erscheint, so habe ich mir dennoch erlaubt, mich ein ganz klein wenig an großartige Beobachter und literarische Vorbilder wie den Lumpensammler Siegfried Kracauer (so Walter Benjamin über den Feuilletonisten), Elias Canetti (Ohrenzeuge) und Theophrast (Charaktere) anzulehnen. Entstanden sind die kleinen Fingerübungen immer dann, wenn irgendwo etwas Zeit und Muse auftauchte: Auf Kaimauern,  Parkbänken, Straßenbahnen, Zügen und natürlich in Cafés. 

Fiktion. Hier ist alles frei erfunden, Personen ebenso wie Handlungen. Anleihen an realen Gegebenheiten sind aber erlaubt, es geht auch gar nicht anders, denn bekanntermaßen "all the world's a stage, and all the men and women merely players". 



Lumpenlese #7: Der Wertvolle 


Der wertvolle Bewerter, er steht im Mittelpunkt der Welt. Und es ist oft ein Er. Er weiß zu gut, was seine Bewertungen wert sind - er spürt es ganz deutlich, wenn seine Lippen den Rand des Rotweinglases berühren; wenn er aus den Augenwinkeln heraus erkennt, wie ihm lächelnd Sympathien und die Anerkennung zufließen. Gerne sitzt er beim besten Italiener der Stadt und hält Hof.

Nachdem die Bedienungsprozedur vorbei ist und die Gäste rund um den Wertvollen ihre ersten Bissen zerkaut haben, erscheint der Sizilianer auf der Bühne. Das lässt er sich nicht nehmen. Der Sizilianer kommt extra aus der Küche, denn es ist der Wertvolle, der da mit seinen guten Freunden Pizza isst.

Den Wertvollen sehen Sie fast nie alleine kommen, und wenn doch, stören Sie ihn nicht, denn dann denkt er sich gerade eine neue Bewertung aus. Grundsätzlich aber ist er gesellig, und so, wie die Geselligkeit auf ihn angewiesen zu sein scheint, so ist es wohl auch umgekehrt. Was wären Perlen ohne Säue, was ein famoser Bewerter voller Werte ohne Auditorium. Der Bewerter, ein entfernter Verwandter des Schlaumeiers, löffelt bereits morgens Weisheit und gleich nach dem Zähneputzen erlässt er die ersten Urteile über richtig und falsch.

Nach dem Frühstück begibt er sich denkend in das Spiegelzimmer, wo die ersten Zuhörer auf ihn warten, klug und geduldig, Abbilder seiner selbst.

Er kennt sich bestens aus im Elfenbeinturm der Wissenschaftssprache und versteht es, sein eingebildetes Publikum mit Wörtern zu beeindrucken. Am liebsten sind ihm die Seltenen, die ein x enthalten. Aber nicht Menschliches ist ihm fremd, deshalb steigt er auch hinab in die tieferen Ebenen des menschlichen Daseins – zum Volk. Dafür steht der Sizilianer - volkstümlich und exklusiv zugleich. Hier zeigt der Wertvolle, wie nah er am Volke ist, und bitte schön, probieren Sie doch diesen famosen Wein; nein, nicht diesen, aber wenn Sie meinen, naja, da müssen Sie schon einen speziellen Geschmack haben. Ein großzügiges Lächeln huscht ihm über die Lippen. Das Nichtwissen der Anderen… Nein, nichts Menschliches ist ihm fremd.

Am Nachbartisch schaut verstohlen ein junges Paar auf die sympathische Gruppe in mittlerem Alter, in deren Mitte der gut aussehende Mann mit den angegrauten Schläfen das Wort führt. Dem Wertvollen entgeht keine Äußerung, der er nicht seinen Stempel aufzudrücken wüsste. Oft heiter, manchmal aber auch ernst. Es muss wohl jemand Besonderes sein, denkt das Paar. Gut, dass wir hier verkehren, hier passen wir hin.

Auch der Sizilianer freut sich über seinen Gast, den er fast schon kameradschaftlich bewirtet, aber immer mit der kleinen Distanz, die ein schlauer Diener einzuhalten weiß. Denn der Wertvolle ist nützlich: Er versprüht nicht nur Bewertungen, er hat auch selber einen Wert. Seine Empfehlungen, und wenn es nur um Pizza geht, haben die magische Kraft eines Urteils: Da ist nichts mehr anzuzweifeln! Hat er gesprochen, weiß der Zuhörer: Ganz klar, wir müssen beim Sizilianer essen, denn dort geht man ja wohl hin, wenn man in dieser Stadt lebt, sonst hätte der Bewerter ihn ja nicht empfohlen.

Der Wertvolle nimmt es aber auch gerne mit den großen Themen auf: Jeden politischen Schachzug weiß er zu werten, jeder kluge Gedanke stammt im Grunde genommen von ihm (das habe ich doch schon vor zehn Jahren gesagt!), und es ist fast schon geistiger Diebstahl, wenn ein anderer es ausspricht. Zu hundert Prozent weiß er, wie sich die Welt um ihn dreht, er ist immer der Schlaue und der Weltgewandte, und Ruhm und Reichtum fließen ihm wie selbstverständlich zu. Kommt es dennoch einmal zu einer Meinungsverschiedenheit, winkt er mit großzügiger Geste ab. Müssen wir wirklich darüber reden?

Neulich verlor der Wertvolle seinen Besitz, dabei hatte dieser undankbare Wegläufer ihm doch alles zu verdanken. Aber irgendwie war der Besitz überfüllt von seiner Klugheit und fiel ab wie eine vollgesaugte Zecke. Für ihn, den Wertvollen, war das fürchterlich und tragisch, im Grunde genommen Verrat. Allein die Gewissheit, dass das freigezappelte Besitztum ohne hin ein kümmerliches Leben leben wird, und er selbst in seiner eigenen wertvollen Fülle weiterschweben würde, hielt sein Gesicht über Wasser in einem weiten Tränenmeer aus Selbstmitleid und Zorn. Welche Albernheit, sich von seiner Macht zu lösen?! Die Bestrafung für die Abtrünnige war entsetzlich. 21.01.2019

Weitere Porträts aus der Lumpenlese: Siehe unten.


Kunst im Werden #3: Sachliche Schönheit (Künstlerin: Annekatrin Lemke)

Vielleicht huschen ja noch die Geister früherer Bewohner durch die Büsche des verwilderten Garten. Denn das Gelände wirkt romantisch verhext. Im Gelände versprengt ein paar langgezogene und flache Häuser, teilweise mit Brennnesseln umrahmt.

In einem der hinteren Häuser stöhnten und krümmten sich einst verwundete Soldaten, verzweifelten Menschen mit Nervenleiden, warteten Kranke in der letzten Phase ihres Lebens auf den Tod. Später schwitzten Flüchtlinge in der Nacht albträumend ihre Ängste aus dem Leib.

Aber das ist Vergangenheit. Jetzt arbeiten Künstler und Menschen aus der Kreativwirtschaft in diesen Räumen. Das Haus, das sich Wächterhaus nennt und von der Stadt Erfurt gefördert wird, hat die Rolle seiner Bewohner verändert: Sie erleiden nicht länger, sondern schaffen etwas. Es ist ein Glück, an diesem Ort ein Atelier zu haben, dessen Miete bezahlbar ist. Annekatrin Lemke ist eine der Glücklichen.

Als Kind habe ich mir unter einem Bildhauer einen Schrank von Mann vorgestellt – einer der mit mächtigen Werkzeugen und riesigen Bizeps auf harte Materialien einschlägt. Die Bildhauerin Annekatrin Lemke passt nicht in dieses Bild, und sie braucht noch mehr Geschick als Kraft, wenn sie sich durch ihr Material arbeitet. Ihr wichtigstes Werkzeug ist ein sehr, sehr scharfes Eisen, und was sie bearbeitet, ist meistens Holz. Lindenholz, über Jahre getrocknet, nicht zu hart, nicht zu weich, gut zu bearbeiten.

Mit der linken Hand umschließt sie mit festem Griff das Eisen, fügt es in einem Winkeln von vielleicht 40 bis 50 Grad an die zu bearbeitende Stelle. So etwas wie ein Stromkreis schließt sich zwischen der Künstlerin, dem Werkzeug und dem Material. Es ist vielleicht verwandt mit dem Moment, den Kinder empfinden, wenn sie Bäume umarmen, sich im Schlammbad wälzen oder einfach in die Wellen des Meeres tauchen. Die Hierarchie zwischen Subjekt und Objekt, zwischen der fordernden Künstlerin und dem zu formenden Material bricht für die Augenblicke des Schaffens ein oder gerät doch zumindest in Vergessenheit.

Während also der linke Arm, verlängert durch das Eisen, eine direkte Verbindung zum Holz findet, schlägt die rechte Hand mit dem Schlegel auf das Eisen, nicht ganz wie ein Uhrwerk, weil jeder Schlag anders ist, mal härter, mal gedämpfter, mal in steilerem, mal in flacherem Winkel. Ob sie je die Schläge gezählt hat, die sie braucht, bis ein Werk fertig ist?

Einige ihrer Werke stehen im Atelier. Annekatrin Lemke gehört nicht zu den Künstlern, die geradezu manisch immer und immer wieder dasselbe Motiv in verschiedenen Varianten (re-)produzieren. Auch wenn der Stil sich gleich bleibt, ist jedes Bild anders. Was häufig wiederkehrt, ist das Format 50 x 60 Zentimeter. Ihr Lieblingsformat.

Ihr Arbeitstisch steht vor dem Fenster, von hier könnte sie auf den verwilderten Garten schauen, aber ihr Blick liegt konzentriert auf dem viereckigen Stück, das von ihr bearbeitet wird. Es sind Flächen, die sie aus dem Holz herausholt, von unterschiedlicher Höhe, getrennt durch Linien, mal abknickend, mal gerade, mal geschwungen. Die Flächen spielen miteinander, mal drohen sie zu kippen, mal gehen sie in eine andere über. Und allmählich schält sich etwas heraus, dass immer mehr den Anschein erweckt, als müsse es genau so werden, wie es gerade wird. „Ich suche Formen“, sagt die Künstlerin, „bei denen ich das Gefühl habe, dass sie zusammenkommen müssen.“ Und genau das ist es, was die Werke von ihr ausmachen. Sie bereiten dem Betrachter dieses Vollständigkeitsgefühl, dieses „Ja, so muss es sein, genau so passt es zusammen“-Gefühl.

Annekatrin Lemke bringt eine Menge Geduld mit. Sie zeigt auf eine dünne Linie. „Das kann Stunden dauern, bist sie fertig ist.“ Für ein einziges Relief – Konstruktion auf dem Papier, die Bearbeitung des Holzes, die Farbgebung – gehen schon mal 50-60 Stunden drauf.

Viele ihrer Werke kommen neben der Grundfarbe mit nur zwei weiteren Farben aus, jede für sich in verschiedener Tönung, sich gegenseitig kontrastierend. Wäre ich gezwungen, eines ihrer Reliefe mit nur zwei Adjektiven zu beschreiben, würde ich es vermutlich mit so etwas wie „sachlich und wohlgeformt“ beschreiben.

Sachlich, aber nicht kalt, wohlgeformt, aber nicht nicht von einer nach Effekten haschenden Schönheit. Annekatrin Lemke selbst drückt es einfacher aus. „Ich will nichts Schönes kopieren, was schon da ist. Aber ich will auch nichts Hässliches machen.“

Zur Sachlichkeit gehört in ihrem Atelier auch, dass sie immer nur ein Kunstwerk nach dem anderen fertigt. Das bedeutet, dass sie ihre volle Konzentration auf das eine Relief verwendet, und das bedeutet aber auch, dass sie andere Ideen, die nicht zu diesem Werk passen, zunächst einmal in eine geistige Schublade stecken muss. Dass zu dieser Methode viel Disziplin gehört, liegt nahe. Vielleicht passt zu dieser Art des Werkens auch eine gewissen Ordentlichkeit im Atelier: Nach getaner Arbeit kehrt sie die Späne immer weg.

Annekatrin Lemke ist keine Spontankünstlerin, ihre küntlerischen Produkte sind durchkonzipiert. An einer Zeichnung sitzt sie bis zu zwei Tage. Was dann auf dem Papier zu sehen ist, setzt sie auch zu nahezu hundert Prozent so um. Allein in der Farbgebung am Ende des Prozesses lässt sie sich noch ein wenig Freiheit. Da erlaubt sie sich kleine Abweichungen.

Ihre Motive bezieht sie häufig aus gebrauchten Fotobüchern über Architektur, die sie auf Flohmärkten oder in Antiquariaten findet. Häuser, Brücken, Hochsitze… Allerdings interessiert sie sich hier nur für die Formen und Strukturen. Ihre fertigen Werke erinnern kaum noch daran – es sei denn, man kennt die Fotos, von denen sich die Künstlerin hat inspirieren lassen. Mit etwas Phantasie ist dann doch noch ein Rückschluss auf die ursprüngliche Ideenquelle möglich.

Sie arbeitet auch mit anderem Material, aber Holz ist das, was zurzeit vorherrscht. Wie es weitergeht? „Es hat Jahre gedauert, meine Handschrift zu entwickeln“, blickt die Holzbildhauermeisterin zurück. „Aber ich werde mich weiterentwickeln.“

Auf dem Rückweg durch den Garten, noch bevor ich auf den durchasphaltierten, zubetonierten und von Verkehrslärm umfluteten Teil der Gesellschaft treffe, mache ich kurz Halt. Es ist eine Sitzecke, die dabei ist, sich dem überwuchernden Unkraut zu ergeben. In einer Ecke steht die leere Halterung eines Müllkorbs, ganz so, als hätte er sein Herz verloren. Ich stelle mir vor, wie es wohl aussähe, wenn Annekatrins Werke an den Bäumen hängen oder auf den Bänken stehen würden. Ich glaube, sie würden sich in dieser schönen Wildnis sehr gut machen: Größer könnte der Kontrast zu der schönen Sachlichkeit kaum sein.

Ihre nächste Ausstellung hat Annekatrin Lemke in der Galerie PHK18 in Rotterdam ( Prins Hendrikkade 18, 3071 KB Rotterdam, Niederlande) vom 20. Januar bis zum 29. März. Vertreten wird Annekatrin Lemke von der Galerie Hammerschmidt + Gladigau in Erfurt, wo man auch Ihre Arbeiten erwerben kann. Besuche im Atelier sind möglich, aber vorher bitte anmelden unter info@annekatrinlemke.de.

www.annekatrinlemke.de 


Kunst im Werden #2: Schicht um Schicht - dazwischen liegt die Zeit (Künstlerin: Diana Hartung)


So entstehen Landschaften. Schicht um Schicht. Zwischen den Schichten liegt viel, viel Zeit. Es ist das Prinzip geologischer Prozesse.

In den Werken der Künstlerin Diana Hartung liegen keine Jahrmillionen, so viel Zeit kann sich nur die Erde nehmen. Aber sie ist ja auch nicht die Erde, sondern eine Künstlerin aus dem Andreasviertel in Erfurt. Ihr Atelier liegt in einem Hinterhof. Einem hellen Hinterhof. Ihr Atelier ist voller Licht.

Bevor Besucher dorthin gelangen, passieren sie zwei Räume, die eigentlich auch zum Atelier gehören, aber inzwischen als Ausstellungsräume dienen. Den größeren der beiden Räume nutzt Diana Hartung außerdem für Qi Gong-Kurse, die sie einem breiten Publikum anbietet, und ab und zu findet hier auch ein Konzert statt, kombiniert mit einer Ausstellungseröffnung. Qi Gong – ein Zufall ist das nicht: Die fließenden Bewegungen chinesischen Bewegungsphilosophie finden sich in ihren Werken wieder.

Heute bin ich der Besucher. Der Gang durch die Räume, getrennt durch Stufen und Gänge, ist ein Gang durch die verschiedenen Schaffensperioden der Künstlerin. Es lohnt sich, einen Blick auf diese Werdung zu richten, weil es vieles von dem, was in diesen Tagen entsteht, erklärt.

Mehrere Jahre beschäftigte sich Diana Hartung mit menschlichen Figuren, ganz winzigen, aber auch lebensgroßen. Während die fingergroßen Figuren auf mich sehr agil und aktiv wirken, hinterlassen die größeren einen sehr sinnlichen Eindruck.

Bereits in diesen älteren Werken lässt sich jener Widerspruch erkennen, den Diana Hartung aus dem Material herausarbeiten und auflösen möchte: Dynamik und Balance. Allerdings kehrt sie im Verlauf der Jahre dem Figürlichen den Rücken und wendet sich seit den 2000er Jahren abstrakten Formen zu, die in den Folgejahren immer weiter zerfließen werden.

Fast im wörtlichen Sinne Meilensteine sind ihre eigenartigen Megalithen. Die Idee dazu brachte sie 2009 von den Steinfeldern der Bretagne mit, wo sie jene kraftvolle Wirkung der großen, teilweise pfahlförmigen Monumente spürte. Touristen erzählen gerne von ihren Erlebnissen mit den Steinen, aber Diana Hartung beließ es nicht bei der Schwärmerei – sie schuf ihre eigenen Megalithen. Und wenn wir jetzt im Geiste bei diesen Säulen sind, dann sind wir auch schon sehr nah an dem, woran die Künstlerin heute arbeitet.

Ihre Megalithen sind Mischwesen. Sie bestehen aus Holz und Papierstein. Papierstein ist DAS Material der Künstlerin. Von der Verarbeitung bis zur Trocknung durchläuft es mehrere Prozesse. Es ist feucht und matschig, dann wirkt es krümelig und erdig, steinig und am Ende hart wie Fels.

Eine Spezialmischung, die sich die Künstlerin hat als Marke eintragen lassen. Sechs Jahre experimentierte sie, bis sie zufrieden war und zu sich selbst sagen konnte: Das ist es. Zeit und Geduld – das sind zwei wesentliche Ingredienzen iher Kunst. Und warum eigentlich sollte es nicht so sein, dass immaterielle Zutaten – vergleichbar mit einem Zauberspruch – Wirkung in einem materiellen Werk entfalten?

Diana Hartung ist aber inzwischen weitergezogen. Heute arbeitet sie gleichzeitig an vielen verschiedenen Werken: Sie formt, sie malt, sie spritzt, sie klebt, sie emailliert, zwei- und dreidimensional, in unterschiedlichen Farben und Formate. Ihre Inspiration saugt sie häufig aus der Natur, insbesondere dem Meer. Zurzeit entsteht eine Reihe von Steinbildern – die „Flying Rocks“, wo die Künstlerin auch Mittel der Fotografie einsetzt. Es wäre für einen kurzen Text zu viel, die Vielfalt zu besprechen und in jedes einzelne Detail hineinzuspringen, aber ein Format zieht meine Blicke besonders an.

Sie ähneln Ur- und Meerestiere, und Diana ist sich dessen sehr bewusst. „Aus dem Wasser kam das Leben.“ Einige Formen erinnern an Krabben, andere an Schollen. Flach, stromlinienförmig, spielerisch-anziehend. Sirenenhaft rufen sie den Betrachter an: Schwimm‘ und tauch‘ mit mir in die Tiefe!

Ja, wenn sie vollendet sind, sind sie so. Davor ist Werden und das sieht zuweilen sehr profan aus. Schicht auf Schicht trägt die Künstlerin von ihrem Papierstein auf. Blau dominiert zurzeit. Zwischen den Schichten – die Zutat Zeit. Bevor es hier weitergeht, wendet sich Diana Hartung anderen Werken zu, trägt auf, formt, malt, spritzt… Manchmal liegen die halbfertigen Werke Monate im Atelier, bis endlich eine neue Idee das Signal zum Weitermachen gibt. Im Werden sind in diesem Atelier immer viele Werke gleichzeitig.

„Dance of Energy“ heißt die Reihe der Ur- und Meerestiere. Wie bei den Megalithen fügt sie dem Papierstein ein zweite Material hinzu: eine emaillierte Metallplatte. Wobei „hinzufügen“ nicht ganz das richtige Wort zu sein scheint. Es ist eher eine Einverleibung, denn das Metall wirkt wie selbstverständlich als ein Teil des Ganzen. Die verschiedenen Elemente schmiegen sich ineinander, ergänzen sich. Wenn die fließend-fliegenden Ur-Formen als Plastiken an Wänden hängen, erwecken sie tatsächlich den Eindruck, sich zu bewegen. Eine fantastische Alternative zum viereckigen Bild oder Poster.  

Die emaillierten Stücke brennt Diana Hartung in einem Ofen, der im Plattenbauviertel Rieth steht, und den viele Künstler aus der Region nutzen, um bei einer Hitze von 850 Grad ihren Werken die Farbe einzubrennen. Es ist ein abgesonderter Arbeitsschritt, der an einem anderen Ort und auch sonst völlig anders abläuft als die Formung des Grundkörpers aus Papierstein. Während des Emaillierens wissen die Metallteile noch nicht, welchem Körper sie später zugeordnet werden – womöglich gibt es ihn noch gar nicht.

Diana Hartung zeigt mir zwei Schachteln gebrannter Stücke – keins größer als eine Handteller, einige klein wie ein Finger. Der eine Karton enthält rot-braune, der andere blaue Teile. Wie ein kleiner Schwarm liegen sie zusammen, bis dann eines von ihnen herausgehoben und in einen Körper gesetzt wird, als wäre es ein Herz. Einige dieser Werke werden zurzeit in Chicago ausgestellt. Ihre Galeristin dort ist beeindruckt: „Es ist, als ob sie leben würden.“

„Es ist Hingabe, ein Suchen und Finden von Formen, letztlich auch die Kommunikation mit mir selbst“, beschreibt Diana Hartung ihre Gefühle während des schöpferischen Prozesses. Wenn sie in Schwung ist, arbeitet sie tagelang durch, vergisst mitunter auch die Mahlzeiten, bis ihr Körper eine Zwangspause verordnet. Bis zur Erschöpfung also.

An längere Schaffenskrisen kann sie sich indes nicht erinnern. Ihre Welt dreht sich fortwährend, und sie dreht sich um Begriffe wie Harmonie und Energie. Und Kraft. Kraft sei das, was die Kunst ihr gibt, und was sie durch ihre Kunst an die Betrachter weitergeben wolle.

„Es ist sicherlich wichtig, dass es Kunst gibt, die aufrüttelt und provoziert“, erklärt sie. „Aber ich möchte, dass meine Kunst berührt und bewegt. Mit Lebendigkeit und Tiefe.  Und mit einem Seitenhieb „auf die Welt“ fügt sie an: „Schau dir doch die Welt an. Brauch ich das dann auch noch in der Kunst?“

Als ich wieder auf der Straße stehe, halte ich eine Schwanenfeder in der Hand, am unteren Ende angespitzt. Ein Geschenk. „Damit kannst du auch schreiben.“ Und während ich die wenigen Meter zum Ufer der Gera laufe, überlege ich, was ich in einem Brief mit der Schwanenfeder schreiben könnte. Zwischen den Zeilen müssten wohl Wellen zu hören sein, und vielleicht ist es ja sogar möglich, sich durch die Spalten hindurch in die Tiefe fallen zu lassen, um den Grund des Meeres nach Dianas Urtieren abzusuchen.

Diana Hartungs Atelier N55 befindet sich in in der Erfurter Nordstraße 55. Besuche nach Voranmeldung sind willkommen (Tel.: 0361 212 90 67). Ihre Werke werden zurzeit auch in Chicago ausgestellt. Gerade ist sie von einer USA-Reise zurückgekehrt und wirkt aufgeregt: „Ich bin noch völlig hin und weg.“ Etwas arbeitet in ihr. Man darf gespannt sein.

Internet: www.dianahartung.de


Kunst im Werden #1: Der Reiz des Unvollendeten. Ein Anfang

Es war nur so eine Idee. Ich weiß nicht mal, wann und in welchem Zusammenhang sie kam. Aber es war irgendwann im Sommer 2018 und sie kam nicht von ungefähr.

Was mich am traditionellen Journalismus schon immer störte, ist die Fokussierung auf das Ergebnis. In der Regel ist immer nur das fertige Werk der Rede wert. Das gilt übrigens in der Kunst genauso wie in der Politik. Viel interessanter aber ist der Prozess. (Zumal es ja nicht wirklich irgend etwas Abgeschlossenes gibt: Der nächste Tag bringt schon wieder eine neue Lage. Abschluss-Pressekonferenz hin, Eröffnungsfeier her). Das ist der Boden, der die Idee entsprang.

Damit sie nicht gleich wieder verschwindet, was Ideen ja gerne tun, bekam sie einen Arbeitstitel: Kunst im Werden. Maler, Bildhauer, Musiker, Schauspieler, Literaten, Kulturmanager – sie alle arbeiten an irgend etwas. Entgegen der typischen Ergebnis-Berichterstattung sollte der Prozess im Mittelpunkt stehen. Die Spannung des Unvollendeten. Hier ist also der Weg das Ziel.

Ich stellte „Kunst im Werden“ auf Facebook vor. Die Resonanz war groß. Grund genug, weiter zu gehen. Auszuprobieren, wie es gehen könnte. Feldforschung.

Das Ziel des Wegs: Ein Haus in Erfurt, ein paar Straßenbahnstationen von der Altstadt entfernt. Ein so genanntes Wächterhaus. Insgesamt gibt es davon drei in der Stadt: Vormals leerstehende Häuser, die verfallen würden, gäbe es keine Nutzer. Also suchte die Stadt nach Künstlern und Menschen aus der Kreativwirtschaft, die dort für eine bezahlbare Miete ihre Ateliers einrichten und die Häuser erhalten. In so einem Haus arbeitet die Bildhauerin Annekatrin Lemke, die ich kurz zuvor auf einer Vernissage kennengelernt hatte.

Die Nordhäuser Straße ist eine Ausfallstraße, die das Zentrum mit den Plattenbausiedlungen im Norden verbindet. Zwischen beiden Vierteln, die recht unterschiedliche Gesellschaften beherbergen, steht, als wolle sie so etwas wie eine Vermittlerin sein, eine große Klinik. Und eine Universität. Gleich neben der Klinik befindet sich ein weitläufiges, verwildertes Grundstück. Es sieht ein bisschen so aus, als dürfe man es nicht betreten, als gäbe es ein unsichtbares Schild mit dem Hinweis: Vorsicht verhext!

In dem Grundstück stehen verstreut ein paar Ziegel- und Flachbauten. Ich war verunsichert, weil ich weit und breit nichts erkannte, was nach Kunst und Kultur aussehen wollte.

Zwei, drei Mal lief ich durch das Gelände, auf und ab. Die Zeit verging, und ich war sowieso schon zu spät. Eine Frau, die aus einem der Gebäude kam und aussah, als gehe sie hier ein und aus, schaute mich verwundert an. „Künstler? Ateliers? Nicht, dass ich wüsste.“

Wer kennt auch schon seine Nachbarn?

Ich kreiste weiter durchs Gelände. Ein brennesselumwachsenes Gebäude hatte ich bislang ignoriert. Ich rüttelte an der Tür. Zu. Ich schaute durch die Fenster in die Räume: Leer. Blick auf die Uhr: Viel zu spät.

Nur noch ein flaches, langgezogenes Haus war übrig, das ich, warum auch immer, noch nicht inspiziert hatte. Weil es verputzt war, sah es von außen gepflegter aus als das Brennesselhaus, aber nicht wirklich schön oder interessant. Eher wie das Gebäude eines Gebrauchtwagenhändlers, der finanziell immer am Limit arbeitet und gelernt hat, sich auf das Notwendigste zu beschränken. Hauptsache, die Heizung geht und es regnet nicht rein.

Die Tür war geöffnet, im Innern Baustelle, Baustelle, Baustelle. Im Gegenlicht kam mir eine schattenhafte Gestalt entgegen. Als sie vor mir stand, erkannte ich sie. „Hallo, tut mir leid, bin spät…“ „Kein Problem“, meinte Annekatrin Lemke. Sie führte mich in ihr Atelier. Einst ein Krankenzimmer – an wenigen Details konnte man das noch erkennen. Womöglich fließt das ein in ihr Schaffen. Wir werden sehen.

Das Haus, in der ihre Werke entstehen, hatte übrigens schon viele eigenartige Bewohner: verwundete Soldaten, Menschen mit Nervenleiden, Kranke in der letzten Phase ihres Lebens, Flüchtlinge. Jetzt sind es Künstler.

Es war schon immer ein Haus für Menschen, die die Randgebiete der Gesellschaft besiedeln. 01.10.18



Lumpenlese #6: Der Text 










Es ist ein Irrtum, zu glauben, der Text sei eine Sache, etwas ohne Emotionen. Weit gefehlt! Der Text hat eigene Gefühle, vor allem dieses: Er hat es immer schwer. Immer. Auch heute, wenn er aus dem Bildschirm heraus auf seine Schöpferin blickt. Es ist doch eine Sie? Sicher kann sich der Text nicht sein. Er kann gut nach innen blicken, aber von seinen Urhebern sieht er ebenso wenig wie von seinen Lesern. Er ist fast blind und stumm. Das weiß er allerdings nicht.

Der Text sieht noch schlechter als seine Urheberin. Was die sich manchmal einbildet! Meint, alles zu wissen… Gar nichts weiß sie. Vor allem nicht, wie schlecht es dem Text mal wieder geht. Wie so oft…

Aber Halt, Miesepeter! Es gibt helle Momente. Wenn sich Buchstabe an Buchstabe reiht, blüht er förmlich auf. Dann plötzlich eine Pause. Der Text schreit: „Bitte nicht! Bitte nicht schon wieder eine Pause!“ Es rattert. Ah, der Drucker. „Aber ich bin doch noch gar nicht fertig? Viel zu früh für einen Ausdruck. Was soll das? Du kannst mich noch veredeln!“ Aber niemand hört ihn.

Eine lange Pause.

Vermutlich liest sie mich gerade, denkt der Text. Wie sie mich wohl findet? Der Text ist manchmal etwas eitel.

Jetzt hört er, wie die Autorin Papier zusammenknüllt. Ein Fluchen! Au!!! Der Text landet in einer Ecke. Sie ist nicht zufrieden :-(  

Und er? Ist nicht mehr.

Aber es geht immer weiter. Er hört die Tasten der mechanischen Tastatur. Die Tastatur ist seine Freundin, sie ist laut und sinnlich. Die Wörter krachen förmlich in das Dokument und leuchten auf dem Bildschirm auf. Sie lässt es krachen, kichert der Text, und genießt wie ein Katze das Kraulen, wie sich Wörter um Wörter und Sätze um Sätze kringeln.

Aber das eigentlich Drama des Textes ist nicht die Entstehung, sondern das, was danach kommt. Per Mail verschick sie ihn. Ich bin so gut, denkt der Text, dass die Chefredakteurin mich persönlich lesen sollte. Gewiss wird er das tun. Dann werde ich gedruckt und tausendfach verbreitet. Meine Schöpferin bekommt Geld, kann sich was zu essen kaufen, und einen neuen Text schreiben. So könnte es sein. Doch leider befindet sich der Himmel nicht auf Erden.

Heute schafft der Text nicht einmal die erste Hürde. Er landet in einem großen anonymen Postfach unter Hunderten anderer Texte. Irgendein Angestellter – weiß Gott, wie er an diesen Platz gekommen ist – sollte das Postfach pflegen, aber er vergisst es.

Stunden vergehen, bis überhaupt mal jemand hineinschaut. Jetzt aber, jetzt müsste dieser Angestellte ihn entdecken. Zwei Klicks, und er würde sich auf Augenhöhe mit der Chefredakteurin befinden. Die würde staunen, die Mail augenblicklich an ihren Deskchef weiterleiten, versehen mit einem kleinen, aber unfassbar wirkungsvollen Kommentar: Unbedingt morgen drucken. Drei Ausrufezeichen.

Aber heute ist nicht so ein Tag, und der Text ist sich nicht einmal sicher, ob es so einen Tag überhaupt jemals geben wird. Ein paar Angebertexte haben davon berichtet, dass es ihnen so ergangen sei. Das Millionenheer der „normalen“ Texte jedoch… Ach, sie müssten lügen, würden sie sagen, dass man sich um sie gerissen hätte.

Lumpenlese #5: Die Versprechensbrecher










Es ist in der Regel gar kein Er und auch keine Sie, weil Versprechensbrecher (Abkürzung: VB) oft in Gruppen auftreten. Verbrechensbrechersoziologen sprechen im Zusammenhang mit der Versprechensbrechung inzwischen sogar von einer postideologischen VB-Gesellschaft.

Aber vielleicht stammen solche Einschätzungen von Versprechensreinfallern (VR), also den Erleidern der Versprechensbrechung. Ist dem Erleider endlich einmal aufgefallen, dass er einer Versprechungsbrechung zum Opfer gefallen ist, bemerkt er auch die vielen anderen Fällen. Und schon wähnt er sich wahlweise in einer Gesellschaft der Betrüger, der Ehrenlosen, der Leichtsinnigen oder der Empathielosen - je nachdem, wie scharf er diejenigen beurteilt, von denen er sich reinlegt fühlt.

Trotz dieser Erkenntnisse, dauert es bei einem echten VR nicht lange, bis er erneut einem VB zum Opfer fällt.

Immer und immer wieder.

Bis ihm endlich jemand die Augen öffnet: „Du bis naiv!“, hört er aus der Ferne. Aha. Er hätte es ahnen müssen. Das Problem ist nicht die Versprechungsbrechung, sonder er selbst. Naivität wird in diesen Zeiten hart bestraft.

Sie, die ihm die Augen öffnet, entführt ihn an einen geheimen Ort, wo nichts mehr wahr schien und alles nur noch aus schöner Illusion besteht. Hier existieren ausschließlich Wünsche, die aus den tiefsten Tiefen des Herzens nach oben schnellen, und Versprechungen, die sich jeder Logik widersetzen. Selbst die heftigsten Widersprüche erscheinen als süße Täuschung und säuseln „Harmonie“. Die Widersprüchlichkeit selbst erscheint plötzlich in verlockendem Licht und sein Verhalten passt sich an: „Ich manipuliere dich“, hört er aus der Ferne. „Scheißegal“, antwortet er. „Solange es sich gut anfühlt.“

Bis die Tür zuschlägt und er bemerkt, dass er ganz alleine im Raum steht und sich selbst die hoffnungsspendenden Versprechen vorgesprochen hatte. Die Neonlampen flackern ein paar Sekunden, dann dringt das grelle Licht der Erkenntnis mitleidslos auf die Netzhaut. Die falschen Versprechungen geben sich schamlos als solche zu erkennen. Ganz kurz nur, aber der helle Moment reicht aus, um die folgende Typologie zu erstellen:

Es gibt drei VB-Haupttypen und zahlreiche Zwischentypen. Jeder VB hat ein adäquates Gegenstück.

VB = VR.

 Der Einfachheit halber konzentrieren wir uns auf die Haupttypen.

  • Der Soldat. Er meint es ernst, weil er sich verpflichtet fühlt. Dummerweise verspricht er etwas, ohne darüber nachzudenken, was er gerade versprochen hat. Sobald das Wort seinen Mund verlassen hat, arbeitet er mit aller Macht an der Umsetzung des Versprechens. Er ist überzeugt davon, sein Versprechen halten zu können, kann es tatsächlich aber nicht, weil die Umstände dagegen sprechen. Er hätte sie vorher berechnen müssen, dann hätte er gesehen, dass er das Versprechen nicht hätte geben dürfen. Am Ende enttäuscht er den Versprechensnehmer und sich selbst. Er schießt sich dann gelegentlich eine Kugel in den Kopf.Sein Pendant, der Versprechensreinfaller, lässt die Versprechensbrechung über sich ergehen, als sei es sein Schicksal, sich diese Kugel zu fangen (siehe auch in einem späteren Beitrag Fatalist).
  • Der Kokette. Er ist das Gegenteil des Soldaten und meint es bei der Versprechensgebung nie so ganz ernst. Er spielt mit dem Versprechen, das wie ein kleines Kunstwerk für sich selbst steht und überhaupt nicht erfüllt werden muss. Im Gegenteil: Die Erfüllung würde dem Versprechen womöglich sogar den Zauber nehmen. Der Versprechensbrecher lässt es einfach offen und genießt gemeinsam mit dem Versprechensnehmer (oder auch V-Reinfaller) den spannungsgeladenen Moment der Offenheit, egal, ob es nur ein paar Sekunden oder eine halbe Ewigkeit dauert. Das Versprechen ist in diesem Fall ein Geschenk, verabreicht von einem fröhlichen Tänzer, der sich immer dann am besten entfaltet, wenn er einen kongenialen Partner auf der VM-Seite hat.
  • Der Nutznießer. Er setzt das Versprechen ein, um sein Gegenüber in seinem Sinne und zu seinem Zwecke zu beeinflussen. Auch hier ist es nicht weiter von Belang, ob das Versprechen tatsächlich eingelöst wird, sehr viel wichtiger sind die Folgen, die das Versprechen im Versprechensnehmer auslösen – zum Wohle des Nutznießers. Allerdings berechnet zumindest der Profi unter den Versprechensgebern sehr genau die Konsequenzen der Nichterfüllung. Wenn er sie nicht in Kauf nehmen will, erfüllt er sein Versprechen oder tut so, als würde er es erfüllen, oder entschuldigt sich, weil die Umstände so seien, dass er es nicht erfüllen kann. Oder der VG-Nutznießer tut so, als könne er sich nicht mehr an die Versprechungsgebung erinnert. Der Nutznießer ist ein berechnender Typ und findet das auch gut so. Er formuliert seine Versprechen eher vage und niemals schriftlich. So entgeht er Sanktionen, die auf ihn hereinbrechen könnten, würde der Versprechensbruch amtlich werden. Der Nutznießer spielt zuweilen auch in der Liga der Betrüger. Sein Gegenüber auf der VR-Seite ist der Gutgläubige (siehe auch in einem späteren Beitrag).

Oft genug bekommt der VR nicht seinen natürlichen VG-Partner. In solchen Fällen entsteht eine Disharmonie, deren Auflösung zumindest für eine Seite – in der Regel für den Versprechensempfänger, Schmerzen nach sich ziehen. So fällt es dem soldatischen Fatlisten schwer, den leichtfüßigen Koketten zu verstehen, während der Kokette keine Ahnung vom Soldatentum hat.

Die Versprechungsgebung, sofern sie auch im Empfang genommen wird, knüpft ein Band zwischen Nehmer und Geber. Verweigert der Nehmer die Annahme, hängt das Versprechen in der Luft. Das fühlt sich für den Versprechensgeber meistens nicht so gut an, es sei denn, es handelt sich um eine Koketterie.

Versprechen sind nicht alle gleich schwer. Ein leichtes Versprechen, etwa ein Lächeln, ein Blick, ein Zwinkern auf der Cocktail-Party, sorgt eher für leichte Heiterkeit. Schwere Versprechen, wie sie zum Beispiel im Hinterzimmer von Ganovenkneipe oder auf den Fluren politischer Konferenzen abgegeben werden, entwickeln eine schwere Last. Der Soldat als Geber und der Naive als Nehmer sind dieser Last besonders stark ausgesetzt, so sehr, dass ihnen manchmal die Schulter weh tut. Dem Kokette dagegen ist die Last so leicht, dass er damit jonglieren kann. Solange es unerfüllt in der Luft schwebt, belastet es ihn nicht. Der Nutznießer hingegen – ein erstaunliches Phänomen! – spürt selbst das allerschwerste Versprechen nicht, weil er in Gedanken immer bei den Vorteilen ist, die ihm aus der Versprechensgebung erwachsen könnten. Neufassung 19.12.2019

Lumpenlese #4: Mein Freund Gregor













Hat Gregor resigniert? Nein. Er wirkt nur so.

Oder er hat, merkt es aber nicht. Oder will es nicht wissen. Oder weiß es, verbirgt es aber.

Ein bisschen, ein kleines bisschen hat er schon. Die ihm gut sind, spüren diese leichte Selbstaufgabe. Sie kommt im Gewand der Gleichgültigkeit daher, eine unangestrengte Coolness, ja, vielleicht sogar Abgeklärtheit.

Wer ihm weniger gut ist, verschubladet ihn als ein bisschen dumm oder gefühlskalt. Hier ist Einspruch dringend geboten! Gregor ist klug und sehr empathisch. Er inhaliert die Gefühle anderer Menschen.

Dieses Bild hat sich mir eingeprägt: Wie er am Kai stand und die Fähre in der Ferne schwinden sah. Er blickte ihr nach und doch an ihr vorbei. War es Melancholie? Ein innerer Abschied, als zöge mit der Fähre seine Liebste für immer davon?

Nein, es war anders. Wohltuend sinnentleert. Er zog an seiner Zigarette als atme er Freiheit. Tatsächlich atmete er das Nichts. Ein transzendentaler Moment.

Gregor spricht nicht viel, selbst wenn er etwas zu sagen hätte. Es lohnt sich nicht. Konversation endet immer an einem toten Punkt.

Wäre Gregor noch mal jung, wäre er genauso alt wie jetzt auch. Er ist immer Mitte 40 bis Mitte 50. Seine Mimik beschränkt sich auf wenige Ausdrücke, die überdies etwas trocken wirken. Wenn er lächelt, möchte man weinen. Aber er probiert es immerhin, weil er gehört hat, dass ein Lächeln anderen gut tut. Ein kleines Geschenk an die Menschheit.

Gregor ist ein kompatibles Einzelgängerformat, das beliebig viele Paarungen eingehen könnte, wenn es sich ergeben würde. Tatsächlich ergibt es sich eher selten, aber sehr viel häufiger als man meinen möchte. Wenn es sich ergibt, verliert er sich nicht, weil ihm in früheren Jahren zu oft das Herz gebrochen wurde. Das ist zum Glück vernarbt.

Nicht, dass Gregor nicht lieben könnte. Aber weil er sowieso nicht die bekommt, die er liebt, muss er sich auch nicht sonderlich anstrengen. Er nimmt einfach die, die ihn liebt, oder die ihn aus praktischen Gründen erwählt, weil er passabel aussieht, halbwegs gutes Geld verdient, eigentlich sehr nett ist und der Mieter aus der Nachbarwohnung ist. Dann kann man ja auch gleich zusammen in Urlaub fahren.

Nicht so gut passt er zur Lebensheischenden (siehe unten) - da hat er gewisse Vorbehalte, die er aber nicht weiter definieren möchte. Umso besser funktioniert es mit dem Rasenmähermann (siehe unten). Seine Favoritin ist aber - er kann es sich selbst nicht erklären - die Trauerklößin (siehe unten).

Gregor lebt in der unvollendeten Vergangenheit. Er HAT geliebt und trägt es immer noch ein wenig mit sich herum. Er HAT gute Ideen gehabt, aber sie wurden ihm gestohlen. Er HAT die Welt verstanden, aber jetzt will er nichts mehr von ihr wissen. Sie HAT leider ihren Glanz verloren.

Eine Sache aber ist vollendet: Er HATTE seine Momente. Die sind definitiv vorbei. Darauf ruht Oskars Glaubenssatz, der einfacher ist als die Dreifaltigkeit: Es ist vorbei und kommt nie wieder.

Gregor ist kein Misanthrop und weiß sehr wohl, wie sich die Welt genießen lässt. Wenn er in Stimmung ist, geht er gut essen und trinkt ein bisschen mehr als sonst.

Zweimal hat er sich schon mit dem Gedanken beschäftigt, vegan zu werden. Aber es war nur so ein Gedanke und seiner Umgebung geschuldet, die sich veganisiert.

Dreimal hat er durchgespielt, wie es wäre, sich das Leben zu nehmen. Aber auch das regte ihn nicht sonderlich auf. Also ließ er es.

Gregor braucht keine Bestätigung von anderen Menschen. Er ist halbwegs zufrieden mit sich, und wenn er es doch mal nicht ist, schiebt er die Unzufriedenheit einfach beiseite. Wen interessiert es schon wie ich bin und auf andere wirke? Mich nicht.

Er macht sich keine großen Gedanken über sein Äußeres, hinterlässt aber stets einen ordentlichen Eindruck. Er hätte gerne etwas mehr Freude am Leben, aber nicht zu viel, weil zu viel davon ihren Preis hat. Er will nicht mehr zahlen.

Ich bin nicht Gregor. Aber es könnte sein, dass er in meinem Inneren eine Abstellkammer bewohnt und mich warnt: Werde nicht so! Anzeichen einer Gregorisierung bekämpfe ich augenblicklich und mit aller Macht. 15.09.18


Lumpenlese #3: Die Trauerklößin












Selbst wenn sie in einem reichen Land leben würde, wäre die Trauerklößin arm dran. Hinter der Fassade des heiteren Lebens und des kecken Lächelns verbirgt sich ein tiefer Brunnenschacht, in das die Trauerklößin für Stunden, manchmal sogar mehrere Tage versinkt.

Es gibt mindestens genauso viele Trauerklöße wie Klößinnen. Das Trauerkloßentum ist nicht geschlechtsgebunden. Es existiert in allen erdenklichen Formen. Mal ist es die begrenzte Auswahl an Gewürzen, was ihr den Atem nimmt. Mal sind es die Erwartungen des Kochs, die sich so gar nicht mit den ihren decken wollen. Immer ist es eine Art von Freiheitsbeschränkung.

Die Trauerklößin ist auch dann einsam, wenn sie in Gesellschaft ist. Die sie allerdings meidet, wenn es wieder so weit ist. Dass es „so weit“ ist, kann zu jeder Stunde, jeder Tages- und jeder Jahreszeit eintreten. Es gibt allerdings individuell unterschiedliche Auslöser, denen die Trauerklößin gerne aus dem Weg gehen würde, aber nicht kann.

Dass sie zeitweise in düsteren Brunnenlöchern lebt, bedeutet nicht, dass jede Trauerklößin über kurz oder lang verloren ist, jedenfalls nicht mehr oder weniger als jede(r) andere auch. Manchmal ist es einfach nur das Auf und Ab des Lebens, dass die Empfindsamen unter den Klößen - Trauerklöße sind immer sehr empfindsam - stärker spüren. Bei den Hochs ist das ein lebenslustiges Vergnügen, die Tiefs hingegen bergen eine gewisse Gefahr. Man weiß ja nie, ob man wirklich wieder raus kommt…

Generell ist es verboten, humorvoll über das Trauerkloßentum zu schreiben und zu sprechen. Die Kommunikation über diesen wiederkehrenden Seelenzustand erfolgt in der Regel gar nicht oder stark formalistisch, etwa in der Wissenschafts- oder Medizinersprache. Da das Trauerkloßentum mit Leid verbunden ist, verbieten sich ironisierende Darstellungen, es sei denn die Betroffene schreibt über sich selbst. Das Thema lässt sich auch nicht wirklich gut vermarkten, schon gar nicht, wenn das Trauerkloßentum im tiefen Schacht und ohne glücklichen Ausgang endet. Eine sentimental abgeschwächte Darstellung mit Happy End wiederum ist durchaus gefragt, vor allem in der Ratgeberbranche und in der fiktiven Literatur.

Das Sprechen über sich selbst verbietet sich also eigentlich, das weiß sie nur zu gut. Wer seelische Düsternis artikuliert, schafft in der Regel Verwirrung. Gute Laune verwandelt sich in betroffenes Schweigen, die Party ist dann vorbei. Wer ein rauschendes Fest feiern möchte, sollte die Trauerklöße herausfiltern und nicht einladen. Sie können zwar in guten Stunden glänzende Stimmung verbreiten, wenn es aber mal wieder so weit ist, ziehen sie ihre Umgebung nach unten.

Nicht jeder erkennt eine Trauernde. In der Regel erkennen sich Trauerklöße aber untereinander am Blick. Sollte sich einem eine Trauerklößin eröffnen, ist es in der Regel besser, keinen Rat zu geben. Oft reicht ihr schon ein offenes Ohr. Oder noch besser: Einfach in Ruhe lassen. Das lindert den dumpfen Schmerz.

Nicht jedertrauerklößins Sache sind Trostsprüche. So wie: „Aber ALLES im Leben geht vorüber, und das gilt auch für diese schwierigen Zeiten.“

„Das wird schon wieder.“

„Wer nie scheitert, entwickelt sich nicht und kann auch nicht glücklich werden, denn ihm fehlt die Erfahrung der eigenen Stärke.

Du meine Güte! 

Der Düsternis voraus gehen häufig Verluste. Oder Erinnerungen daran. Vertraute Freundinnen und Freunde sowie enge Verwandte wissen manchmal davon. Aber die abgrundtiefe Schwärze lässt sich kaum nachempfinden. Deshalb schwebt jede Trauerklößin in ihrer eigenen Seelenbrühe.

Befindet sie sich im Tief, darf sie hoffen: Aufhellung kommt mitunter schon nach wenigen Stunden oder mit dem nächsten Tag, wenn neue Herausforderungen auftauchen. In der Arbeit geht sie dann auf. Das ist wie ein Brett, mit dem sie das schwarze Brunnenloch einfach überdeckt. Gelingt das nicht, ist es, als ob die Trauerklößin in diesem tiefen, dunklen Brunnen stecken bleibt und absolut keinen Ausweg mehr sieht.

Es wäre naiv, zu glauben, man selbst habe keinen solche Brunnen vor der Tür. Es ist aber besser, er findet Dich nicht.

Warnung an alle Kinder: Dieser Lexikoneintrag zur Lumpenlese gehört zu den Traurigsten aller Einträge. Es wäre vielleicht besser gewesen, ihn nicht zu lesen. Der nächste wird wieder besser. 06.09.18


Lumpenlese #2: Die Lebensheischende











Auf der Landkarte der Sinus-Milieus wird die Lebensheischende vorwiegend im Klecks der Hedonisten verortet, aber Vorsicht: Auch der Erlebnismensch schleppt schwere Gedanken mit sich herum, die mitunter noch dunkler sind als die Denkwolken professoraler Nihilisten. Im Gegensatz zu diesem benutzt die Lebensheischende aber vorzugsweise schön gemustertes Geschenkpapier in fröhlichen Farben, in welches sie sorgfältig das Leben einwickelt. IHR Leben: Denn es gibt nur dieses eine.

Traurige Schriftsteller lieben diesen Typ: Sie wickeln das Leben der Diesseitsgewandten aus wie ein Geschenk der Inspiration und schreiben dicke Romane darüber, als hätten sie diesen Menschen tatsächlich kennen oder lieben gelernt. In der Leichtigkeit der Lebensheischenden erkennen sie im Kontrast ihre eigene Größe und ihr historisches Gewicht.

Das Epizentrum der Lebensbejahung befindet sich am Glühweinstand unterm Riesenrad des Weihnachtsmarktes. Wo auch immer Menschen sich zu einem Knäuel verbinden und vielfältige Geräusche und Gerüche austauschen, möchte sie sein und gute Laune empfangen und versprühen. Das Leben ist eine große Party, und das Motto dazu hat sie sich unter die Haut tätowiert: Man lebt nur einmal. Deshalb: Lebe den Moment. Weil: Das Leben ist zu kurz für irgendwann. Summa summarum: Liebe, lebe, lache. Für stillere Stunden: Hör auf dein Herz. Im epischer Breite: Tu was du liebst, lebe den Moment, glaube an dich, sei du selbst.

Bevorzugte Stellen der Tätowierungen auf dem Körpergelände sind Oberarm, Schulter und Fußknöchel. Waden, Po und Oberarme sind für diesen Typ nicht tabu, aber weniger attraktiv.

Die Welt der Lebensheischenden erscheint hell und lustig. Was kaum einer sieht, ist das flimmernde Ende der inhalierten Lichterstrahlen, die in trauriger Unerfülltheit verglühen. Doch wäre die Lebensheischende nicht die Lebensheischende, würde sie es dem Autor dieser Zeilen nicht verbieten, das tränengetränkte Verschmieren der Schminke zu verschweigen.

Fröhlich sein! Und zu diesem Zustand gehört die Vorbereitungsphase zuhause. „Bitte, schreiben Sie doch davon!“

Zu den bevorzugten Vorbereitungsinstrumenten gehören der Kühlschrank, wo der prickelnde Prosecco lächelnd wartet, der Spiegel, der die Verwandlung eines funktionstüchtigen Menschen in sein lebensumarmendes Gegenbild dokumentiert, und das Smartphone, über das die gesamte Logistik abgewickelt wird (Verabredungen, Tickets, Aufbau von Vorfreude durch Austausch von Emojis).

Der Vollständigkeit halber muss ich trotzdem noch einmal zurückkommen zur Schattenseite: Wenig beleuchtet sind in den einschlägigen Texten zur Lebensheischerei die Einsamkeit dieses Menschentyps. Tatsächlich ist diese eine getreue Begleiterin, die einige wenige sogar bewusst suchen und nutzen. Sobald die Vergnügungssuchende auch nur einen Zipfel davon zu greifen bekommt, tut sie alles, um ihn ganz schnell wieder loszuwerden. Es ist eine Art der Energieerzeugung: Durch die Diskrepanz von Einsamkeit und Trubel entsteht jene Spannung, aus der die Lebensheischende Kraft schöpft zur nächsten Runde im fröhlichen Lebenskarussell.

Lebensheischende Menschen - sie existieren in allen möglichen Geschlechtsformen - werden von Leseratten und Gregorisierungsgeschädigten (siehe oben) mitunter diskriminiert. Sie werden als oberflächlich und ein bisschen dumm dargestellt. Das stimmt aber nicht. Richtig hingegen ist, dass die Lebensheischende ungern Rasen mäht oder Rosen schneidet (siehe unten: Der Rasenmähermann). Die Lebensheischende versteht sich als urbaner Typ, der aber auch in der Kleinstadt und am Badestrand die Welt erkennt. 26.08.18












Lumpenlese #1: Der Rasenmähermann

Wenn die Rosen erstmals im Jahr ihre blühende Kraft entfalten, kann man ihn besonders oft am Werke beobachten. Zu Beginn des Sommers wächst das Gras besonders schnell und es gibt Samstage, da sind vier von fünf Rasenmähermänner mit Garantie auf der Wiese. Es brummt aus allen Gärten. Im Hochsommer legt sich der Rasenmähersturm, aber bis in den Herbst hinein vergeht kein Tag, an dem in der Eigenheimsiedlung nicht irgendwo ein Elektro- oder Benzinmotor Gras zerschneidet und Insekten zerteilt. Der Mäher schiebt sein Gerät im fortgeschrittenen Jahr mit einer gewissen Routine, weil er die ersten Übungsläufe schon hinter sich hat.

Es gibt zwei Methoden, die fast 100 Prozent aller Rasenmähermännerfälle abdecken. Die erste, genannt die Streifenmethode, bewegt ihn in geraden Linien auf und ab. Streifenförmig verändert sich die Farbe des Rasens, wobei der hell gemähte Anteil im Vergleich zum vom Schatten der Halme leicht verdunkelten Grünanteil wächst.

Die zweite Methode, genannt die Spiralenmethode, wirkt verspielt, weil sie sich von außen nach innen in immer kleineren Kreisen einem Mittelpunkt zubewegt, der vom Rasenmähermann auch als Höhepunkt empfunden wird. Streifenmethodiker lehnen diese Vorgehensweise heftig ab, weil ihr auf den ersten Blick die Ordentlichkeit fehlt. Auch wenn die entstehende Spirale gleich einem Schneckenhaus eine Systematik aufweist, bleiben an den Ecken Grashalme stehen, die der Maschinentreiber dann noch einmal extra wegmähen muss. Dabei ist er gezwungen, von seiner Methode abzuweichen, weil sich die kleinen Ecken nicht im Kreis niedermähen lassen.

Der Rasenmähermann ist gut zu hören, aber nicht so gut zu sehen. Nicht dass er scheu wäre, aber oft sind die Rasen, die er pflegt, hinter hohen Büschen verborgen. Dennoch ist er einfach zu finden, weil das dröhnende Geräusch insbesondere der Benzingeräte ganze Straßenzüge weit zu hören ist.

Manche Geräte sind elektrisch und damit etwas leiser. Der Sound der Benziner, und das ist unter Rasenmähermännern anerkannt, ist besser und riecht nach was. Einige Geräte haben einen Extra-Antrieb. Solche Maschinen deuten darauf hin, dass der Garten Steigungen hat oder der Rasenmähermann schon etwas betagter ist. Die Geräte sind oft rot, manchmal grün.

Ob Benzin- oder Elektrotyp, Streifen- oder Spiraltyp: Der Rasentraktor wird von allen verehrt. Hier ist der Mäher nicht mehr Diener der Grashalme, sondern König. Auf seinem Quad sitzt er wie auf einem Thron. Das lohnt sich allerdings nur bei großen Gärten, weil der Traktor einiges kostet.

Verpönt sind zumindest unter Traditionalisten Rasenmäher-Roboter. Das sind kleine Scheiben, die sich nahezu geräusch- und geruchlos und ohne Kapitän in scheinbar totaler Systemlosigkeit zickzack durch den Garten bewegen. Wenn ihr Akku leer ist, steuern sie brav die Ladestation an. Ist der Akku voll, machen sie sich wieder auf die Reise. Für Kritiker des Internet-Zeitalters ist der Rasenmäher-Roboter der Inbegriff des Zusammenbruchs aller Kommunikation unter den Menschen. Es gibt aber auch schon viele Anhänger dieser 4.0-Methode, sonst stünden die Geräte ja nicht zum Verkauf.

Der Rasenmähermann tritt vereinzelt auch in weiblicher Form auf. Er ist gesellig und trägt gerne ein kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln (siehe auch: Karierte Hemden). Wenn Sie ihn von der Straße aus über den Gartenzaun beobachten, kann Ihnen das Glück widerfahren, dass er die Maschine abstellt und zu Ihnen kommt, um ein Schwätzchen zu halten.

Wenn es heißt ist wie im Sommer 2018, ist der Rasenmähermann traurig. Der Rasen verdorrt. Es gibt nichts mehr zu mähen. 17.08.18


Fiktion #1: Bens Weihnachtsgeschichte: In einer stillen Nacht.


Die Nacht von Heiligabend zum ersten Weihnachtsfeiertag in Kandka. Die schneebedeckten Wege des kleinen Dorfes liegen verlassen da, die meisten schlafen bereits. Nur Ben nicht, denn seine Gedanken halten ihn auch in dieser friedlichsten aller Winternächte wach. 

Eine Geschichte zwischen Inception und Alice im Wunderland. Von Yussuf Fischer, der auch den Ben spricht. Erschienen im Hörfunkprogramm von mephisto 97.6 am 24. Dezember 2018. 

Hier geht es zum Hören:

Von lieben Familien und fiesen Geistern. 

Fiktion #2: Der weiße Stein












Fortsetzungsromane gehörten einst zum feste Inventar einer Regionalzeitung. Die Zeiten haben sich aber geändert. Lesegeschichten im weitesten Sinne, also auch Reportagen und Feuilletons, fielen mehr und mehr dem Faktenwahn der Neunzigerjahre zum Opfer. Inzwischen ist der Bedarf an Erzählungen wieder zurückgekommen. Der weiße Stein erschien im März 2018 in der Thüringer Allgemeinen. Er dient der Unterhaltung des Lesepublikums, bildet aber auf literarische Art und Weise auch ein Stück soziale und historische Realität ab.

Hier geht es zum Flipbook:

Der weiße Stein.

Auf den Spuren des Ermittlers. Ein Stadtrundgang zum Krimi in Erfurt.





Die Bilder hinter dem weißen Stein. Ein Besuch im Atelier von Mitsch.






Lumpenlese-History: Eine Zeitreise durch die Lügenpresse


Eine Empfehlung aus dem Jahr 1695 für zeitungskritische Menschen aus dem Jahr 2019. Von Kaspar von Stieler, über „Zeitungs Lust und Nutz“.

"Der fürnemste Vorwurf wider die Zeitungen ist/daß sie Ungewiss und Lügenhaft wären/indem sie sich nicht allein öfters selbsten widerlegten/und gleichsam aufs Maul schlagen müßten/wann sie in der folgenden Woche schreiben: Es Continuiret nicht: Will nunmehro anders verlauten: Man hat bessere Nachricht eingezogen und befunden/daß es sich so und so/wie unlängst gemeldet/nicht verhalte (…) u.d.gl.

Solche Ungewißheit nun haben etliche den Zeitungs-Trägern und Aussprangern/etliche den Ausgebern und Druckern beigemessen. (…) [Es folgen einige Beschuldigen, zB:] Frage dich nach dem achten Gebot, ob du mit Avisen und neuen Zeitungen weidlich ins Land gelogen/ etwas vor gewiß und warhaftig ausgebreitet und spargiret/ daß doch alles erstunken und erlogen gewesen? (…) 

Nicht ist zuverneinen/ daß auch ein Zeitungs-Schreiber ein Mensch sey/ der nicht vollkommen ist/ und irren kan: alleine/ Er schreibet nicht: dieses und jenes habe ich mit meinen Augen gesehen/ mit meinen Ohren gehöret/ und mit meinen Händen betastet/ sondern setzet bey jeder Zeitung oben über/ den Ort und das Datum/ oder den Tag/ meldet auch wol dabey: aus Turin/ von Brüssel/ von Peterwardein etc. wird berichtet: Ein Courier aus der Armee bringet mit: Es wil verlauten/ ob solte etc. und darmit verwahret er sich zur genüge/ indem er es ausgiebt/ wie er es empfangen hat.

Und/ ob auch gleich aus einem nahen Ort etwas unrichtiges eingelaufen wäre/ so ist er doch nicht schuldig/ eigene Boten dahin zu schicken/ Nachfrage zu tuhn/ und darüber gewisse Leute beeydigen zulassen. Der leuget nicht/ wer ohne bösen Vorsatz eine Sache/ die sich hernach anders befindet/ erzehlet/ zumal/ wann er nicht vermutet/ daß es unwahr sey."

http://digital.bibliothek.uni-halle.de


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