Website des Journalisten Johannes M. Fischer
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Gedanken zur Zukunft des Journalismus

Unter dem Tannenbaum ist nicht nur Licht. Ein Feuilleton von Barbara Thériault über die Ratlosigkeit. 











„Wenn du Weihnachten zu uns kommen willst, solltest du nicht mit deinem Vater über Politik reden.“ Das sagte mir meine Mutter letztes Jahr am Telefon.

Dieses Jahr bin ich nicht in Kanada, sondern in Deutschland. Rückblickend auf das Jahr 2017 in Erfurt droht mir vielleicht das Gleiche hier. Zeit also, um sich auf die „schönsten Tage“ des Jahres und auf bestimmte unerwünschte Ansichten weltanschaulich vorzubereiten. Ich besinne mich auf zwei Situationen und die Reaktionen, die sie hervorriefen. 

Öffentliche Anhörung im Landtag zur Genehmigung von Sakralbauten

An einem nassen Dienstagabend im Januar dieses Wahljahres nehme ich die Straßenbahn gen Süden, zum Landtag. Dort gibt es eine öffentliche Anhörung zur „Regelung religiöser und kultureller Konflikte und Gefahren bei Sakralbauten.“ Ich staune über die Polizeipräsenz, gebe meinen Namen an, bevor ich Mantel und Tasche in der Garderobe abgebe.

Es ist spät, also eile ich zur Zuschauertribüne. Es ist so voll, dass ich auf den Treppen zwischen zwei Sitzreihen Platz nehme. Von der Tribüne aus kann ich sehen, was im Plenarsaal vor sich geht: Einzelne Abgeordnete sind mit ihren Handys und Tablets beschäftig. Die Fülle oben steht im Gegensatz zur Leere unten.

Der Mann, verantwortlich für die öffentliche Anhörung, sitzt schon. Neben ihm ein anderer Mann und eine Frau. Er ist der Einwohner Marbachs, der im Rahmen einer Petition über 5300 Unterschriften gesammelt hat, um das Baurecht zu ändern und den Bau einer Moschee zu verhindern. Einige Monate davor hatte die Stadt einer kleinen muslimischen Gemeinde ein Grundstück verkauft. Eine Moschee, samt Minarett und Kuppel, sollte im Ort gebaut werden.

“Hm, hm."

Der Präsident des Petitionsausschusses bittet um Aufmerksamkeit und fordert den Antragsteller auf, sein Anliegen vorzutragen.

Nachdem er sich bei seinen Unterzeichnern bedankt, fängt der Redner an, Argumente gegen den Moscheebau aufzulisten. „Zu prüfen wäre...“, „es ist unklar, ob...“, „untransparent ist, ob...“ Es ist von vielen Details die Rede, irgendetwas mit der Einfahrt einer beiliegenden Feuerwehr, Parkplätzen, Lärm...

Mit Zitaten aus zahlreichen Quellen – die Presse, das Grundgesetz, EU-Richtlinien zum Thema Diskriminierung – will der Redner sichtlich zeigen, dass er kundig ist. Diese Gemeinde sei erzkonservativ, eine Minderheit, eine Sekte, von anderen Muslimen nicht anerkannt. Er sieht Konflikte zwischen ihnen und anderen muslimischen Gruppen; weist auf gelesene Ansichten zu Frauen und Homosexuellen auf. „Mit den Anschlägen auf Moscheen in der ganzen Welt, die alten Menschen in Marbach haben Angst“, braust er auf. Der Redner ist auffällig darum bemüht, dass „wir“ zu betonen: „unsere Feuerwehr“, „unsere Senioren“, „unsere Frauen“, „unsere Schwulen.“

Während ich mich frage, ob die Schwulen sich tatsächlich von ihm vertreten fühlen, geschieht etwas: Die Stimme des Redners wird lauter, aufgeregter.. Er hat das gefunden, was ein bekannter Soziologe eine „Sache“ nennt. Die Sache atmet nicht durch ihn aus; es scheint eher umgekehrt: Die Sache zeugt ihn, verleiht ihm und seinem Leben eine Mission, einen Sinn. Das Publikum um mich herum auf der Tribüne, Männer in karierten Hemden und Frauen mit kurzen Frisuren, saugen begierig seine Worte auf. Ich sitze wohl inmitten von Befürwortern, denn es wird geflüstert „ja“, „ja“, „genau.“ Keiner denkt daran, sein Smartphone zu benutzen.

Unten spricht der Redner weiter mit Leidenschaft. Es ist, als ob er seinen Text vergessen hätte. Nun ergeht er sich in einer Tirade gegen die Grünen. Die meisten Abgeordneten sind weiterhin mit ihren Handys und Tablets beschäftigt; sie lassen sich mit der Außenwelt verbinden und scheinen gegen seine Argumente immun zu sein.

„Herr X", der Präsident unterbricht den Redner und ruft ihn zur Ordnung auf. Er habe seine Redezeit längst überzogen und solle beim Thema bleiben, der Genehmigung von Sakralbauten. „Es macht uns Angst“, sagt er etwas pathetisch. „Man macht sich verdächtig, wenn man bestimmte Fragen stellt und die Marbacher fühlen sich von der Politik verlassen“, fügt er hinzu. Er nimmt einen tiefen Atemzug und will noch etwas sagen, aber der Präsident bittet ihn erneut, zum Schluss zu kommen. Er schlägt dann vor — und es kommt einem ganz unvermittelt vor — was er als einen „fairen Mittelweg“ erachtet: eine Moschee ohne Minarett und Kuppel.

Der andere Mann ist an der Reihe, der Anwalt, der bei der Petition mitgewirkt hat. Seine Notizzettel lesend, gibt er ein Beispiel aus Westdeutschland, behauptet, dass die erwähnte muslimische Gemeinde eine Sekte sei, spricht über Sicherheit und die Angst vor religiösen und ethnischen Konflikten, Mangel an Akzeptanz... Als er fragt: „Wo sollen die normalen Muslime eine Moschee bauen?“ verwundert das inzwischen nur noch mäßig. Er erwähnt auch Goethe und Schiller, aber keiner hört mehr zu.

Der dritte Redner ist eine Rednerin. Sie beginnt mit einer Aussage zu potenziellen religiösen Konflikten, der Sorge um Religionsfreiheit und die Lage der Konvertiten im Mittelosten. Gerade als sie anfangen will, theologisch zu argumentieren, unterbricht sie der Präsident: „Frau Y, die Zeit ist um.“ Die zwei ersten Redner hatten zu viel Zeit in Anspruch genommen. Offenkundig gilt der Schutz „unserer Frauen“ nicht ihrer Redezeit.

Nun kommt der Regierungsexperte. Seine Antwort ist bündig: Die Rechtslage sei eindeutig, die Religionsfreiheit wird im Grundgesetz gewährleistet, es solle keine Diskriminierung geben; baurechtlich gäbe es keinen Grund gegen den Moscheebau. In etwa vier Minuten hat der Experte die Argumente des Antragstellers zurückgewiesen. Die Zügigkeit und Sachlichkeit der Antwort war, wenn man will, indirekt proportional zur Länge und Emotionalität der Belange der Anzuhörenden.

Draußen regnet es immer noch. In der Straßenbahn versuche ich mit der brutalen Wirkung der knappen Regierungsantwort auf der Anhörung klar zu kommen. Dem Antragsteller wurde erlaubt, sein Anliegen vorzutragen, aber eine Diskussion zu den geäußerten Ängsten und Emotionen wurde nicht zugelassen; eine öffentliche Anhörung sei kein geeigneter Ort dafür. Dieser Eindruck sollte aber nicht vergessen lassen, was geschehen war. Der Hauptredner hatte etwas gewonnen: Sein Selbstgefühl wurde sicher gestärkt und ein möglicher Geltungsdrang befriedigt. Auch in dem Fall, dass seine Petition nichts ändert – die Moschee wird gebaut – hatte er einen Moment gehabt.

Ich steige aus. Ich bin mit einer Bekannten verabredet. Nach der Ankunft der Flüchtlinge 2015 hatten wir auch eine Auseinandersetzung. Wir beruhigten uns, aber wir sind fortan beide vorsichtig geworden. Über die Petition unterhielten wir uns nicht.

Abendvortrag eines Politikers an einer katholischen Akademie

Ich werde Zeugin einer ähnlichen Reaktion, diesmal bei einem Abendvortrag eines Politikers an einer katholischen Akademie im März.

Der Politiker ist ein ehemaliger Abgeordneter und Präsident des Bundestages. Er liest eine formsichere Rede, macht rhetorische Pausen, bewegt übereinstimmend seine Hände und seinen Körper. Er hält eine typische Rede linksliberaler Haltung der alten BRD, mit Verfassungspatriotismus im Vordergrund, plus – in diesem Fall – der friedlichen Revolution. Er spricht über Konflikte als Integrationsmotoren; der Bedeutung, sich Debatten zu stellen; andere sowie die eigene Position zu kennen und anzuerkennen; über Deutschland als Einwanderungsland und das Dilemma der Demokratie. Infolgedessen lässt er Namen fallen – Böckenförde, Habermas, Rosa – und Begriffe wie Globalisierung, Digitalisierung, Beschleunigung. Obwohl es nicht das Thema des Abends ist, erwähnt der Redner mehrmals den Islam.

Als ich erfahre, dass der Vortragstext schon in einer großen Tageszeitung erschienen ist, bin ich etwas enttäuscht; es gibt mir aber die Gelegenheit, mich umzuschauen. Das Publikum ist mittleren bis höheren Alters, gebildet, katholisch. Es ist aufmerksam, aber müde. Die Freundin, die ich begleite, hat Mühe, die Augen aufzuhalten.

Der Vortrag ist vorbei und die Diskussion beginnt. Das Publikum stellt ein paar höfliche Fragen. Dann passiert es: Ein Mann steht auf, sagt etwas wie „man sollte doch reden können“, „das wird man doch noch sagen dürfen“ und weist auf einen polemischen Buchautor hin. Die Veranstalter fallen ihm gleich ins Wort: „Solche Argumente will man hier nicht hören.“ Bevor er eine Frage stellen kann, wird er abgespeist.

Wie am Januarabend im Landtag wiederholt sich eine eigensinnige Reaktion auf einen Teil des Publikums und seine Gefühle. Wenn die Sicherheitskräfte vor Ort gewesen wären, wäre der Mann wohl entfernt worden. Für den Redner und das gleichgesinnte Publikum brauchte man nicht mit den „man sollte doch“-Männern zu räsonieren. Offenkundig gilt das Gebot, sich der Debatte zu stellen, nicht für alle.

Es ist spät. Die Diskussion ist nicht zu Ende, aber der Politiker muss schnell zum Bahnhof. Meine Freundin ist nicht die Einzige, die gegen die Müdigkeit kämpft. Über den Abend werden wir nicht reden. Heute nicht.

Was ist mit Weihnachten, wenn große Themen auf den engen Raum der Familie treffen?

Wenn ich auf das Jahr zurückblicke, wird eins klar: Irgendwie war es nie der richtige Ort oder Moment über eine Moschee, den Islam oder das Kopftuch zu reden. Weder bei öffentlichen noch bei privaten Veranstaltungen. In Kanada übrigens auch nicht – die Einführung eines Punktesystems bei der Einwanderung löst wohl nicht alle Probleme.

Auch ich wollte es oft nicht. Als ich doch darüber reden wollte, musste ich fürchten, eine Forschungspartnerschaft oder eine Freundschaft aufs Spiel zu setzen; manchmal waren auch meine Gesprächspartner schlicht zu müde oder hatten einfach keine Lust.

Und was ist mit Weihnachten, wenn die große Politik auf den engen Raum der Familie trifft? Auch wenn es meiner Mutter nicht gefallen würde, könnte ich eine Erklärung wagen, warum mein Vater verunsichert gegenüber dem ist, was ihm unbekannt ist. Er würde es heftig bestreiten und auf einen persönlichen Konflikt zurückführen. Dieses Jahr aber nicht. Dezember 2017

* Die Grundsteinlegung für den Bau der Moschee gab es etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Textes.