Website des Journalisten Johannes M. Fischer
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Literarischer Journalismus

Das Seelen-Projekt steht für einen Journalismusbegriff, der neben der Veröffentlichung und Verbreitung von Nachrichten, Informationen und Hintergrundanalysen verstärkt auf Formen setzt, die sich langfristig ins Gedächtnis graben, die zum tiefen Nachdenken anregen, Emotionen wecken und Leser ins Gespräch bringen. 

Die Mittelschicht galt lange Zeit als Hort der Sicherheit und Bodenständigkeit, doch der Boden schwankt. In der Medien- und Wissenschaftslandschaft ist inzwischen viel häufiger von Verwerfungen die Rede und - besonders in Ostdeutschland - mit dem vorherrschenden Gefühl, "Heimat" zu verlieren oder "abgehängt" zu sein. Das  Seelenprojekt macht es sich zur Aufgabe, die gegenwärtige Geistes- und Seelenverfassung von Menschen aus der Mittelschicht zu vermessen, wobei der Begriff der Mittelschicht hier sehr weit gefasst wird.

Dabei gehen Journalismus und Soziologie Hand in Hand. Im Mittelpunkt stehen das klassische Feuilleton, das Literatur, Reportage und Soziologie verbindet, sowie das Porträt.

Der Begriff der Seele ist schwer zu übersetzen. Er deutet zugleich auf das Geistliche und das Spirituelle hin. Bezogen auf die Bevölkerung Ostdeutschlands, die religiös kaum geprägt ist, haftet dem Begriff ein Hauch von Ironie an, mit dem die Autoren spielen. Mithilfe von Beobachtungen und Gesprächen zur Arbeit, Freizeit, Konsum und Sinnfragen (anhand Themen wie Liebe, Ästhetik oder Tattoos) werden Hoffnungen und Enttäuschungen der Thüringer untersucht und in einen Zusammenhang gebracht.

Das ehrgeizige Projekt setzt eine intensive Recherche voraus, die im Winter 2017 begonnen hat. Seine Geburtsstunde hatte das Projekt in einem Montrealer Szene-Café, wo die kanadische Soziologin Barbara Thériault und ich erste Skizzen auf die Rückseite einer Serviette kritzelten.